RomanDas Bein ist ab

Der neue Roman »Zeitlupe« von J. M. Coetzee ist moralisch sehr korrekt, aber leider etwas langweilig von Jochen Jung

Er war ihr noch etwas schuldig. J. M. Coetzee nämlich seiner Elizabeth Costello, die er sich erst vor wenigen Jahren als Alter Ego, Spielfigur und Distanzierungsmöglichkeit erfunden hatte. Sie ist zwar etwas älter als er, und sie ist eine Frau, aber die ersten beiden Buchstaben ihres Namens sind auch die des seinen, und vor allem: Sie ist Schriftstellerin. Das Buch, in dem er sie aufs einnehmendste vorstellte, trägt ihren Namen, Elizabeth Costello, und Coetzee erzählt gleich im ersten hinreißenden Kapitel von den Mühen und Molesten einer alten, aber ziemlich bedeutenden Autorin aus Australien, die dann und wann, wie es eben so geht, zu Preisverleihungen, Kongressen oder Vorträgen eingeladen wird.

Trotz der langweiligen und gelegentlich auch peinlichen Umstände solcher Zusammenkünfte, die vor allem den nicht so Bedeutenden die Gelegenheit geben, bedeutend zu erscheinen, nimmt sie die Einladungen an, aus einem einfachen Grund: Sie ist eine Frau mit Ansichten, und die sollen auch gehört werden. Dass sie außerdem spürt, wie ihr Körper beginnt, ihren wachen Geist im Stich zu lassen, sichert ihr, sozusagen naturgemäß, unsere unverbrüchliche Anteilnahme. Und da uns Coetzee das alles mit geradezu verschwenderischer Intelligenz erzählt, wie man sie in der Literatur heute nicht oft findet, hat man nach wenigen Seiten das schöne Gefühl, den Beginn eines außerordentlichen Romans vor sich zu haben.

Anzeige

Hat man aber nicht. Es wird nämlich, von Kapitel zu Kapitel zunehmend, eine Sammlung intelligenter Vorträge daraus, die der armen Costello von ihrem Erfinder in die drückenden Schuhe geschoben werden. So wird er zwar eine Menge Erkenntnis oder jedenfalls Meinung los, schickt aber gleichzeitig eine gerade erst glänzend erfundene Figur, von der wir nun fast nichts mehr erfahren, als Rezitatorin mehr oder weniger brillanter Auslassungen vor immer leerer werdenden Auditorien auf die Bühne. Mit Themen, die vom afrikanischen Roman über den 20. Juli bis zum Tierschutz reichen.

Er liebt die Frau von der öffentlichen Krankenfürsorge

The lady vanishes. In Coetzees neuem Roman ist sie aber auf einmal wieder da. Allerdings nicht gleich. Denn zunächst einmal passiert Paul Rayment das, womit wir angeblich immer rechnen und woran wir in Wirklichkeit offensichtlich überhaupt nicht glauben. Gewiss, den Menschen widerfährt so etwas, aber wir gehören doch zu denen, die am nächsten Morgen davon am Frühstückstisch lesen. Ob das Glück ist, ist schwer zu sagen; Paul Rayment hat jedenfalls Pech: Er ist völlig korrekt auf seinem Fahrrad unterwegs, da fährt ihn jemand an, er fliegt durch die Luft, landet im Krankenhaus, und als er wieder aufwacht, hat man ihm bis übers Knie ein Bein amputiert.

Mit geduldiger Einfühlung und über viele Seiten weiß Coetzee zu schildern, wie da jemand, der sein bisheriges Leben selbst »leichtfertig« nennt (wobei es wohl nur unbedacht war), auf einmal versuchen muss, sich als Behinderter zu akzeptieren und einzurichten. Vielleicht nicht jedermanns Thema, bis Rayment auf einmal registrieren muss, dass er sich verliebt hat. Und zwar ausgerechnet in die Frau, die ihm von der öffentlichen Krankenfürsorge geschickt wird, um ihm beim Waschen und Massieren des Beinstumpfs zu helfen, und er liebt sie wirklich. Die eigentlich unschuldige körperliche Nähe der Krankenpflege begleitet er mit geradezu innig werdenden Wünschen, die so lange stumm bleiben, wie er sich beherrschen kann.

Als ihm das einmal nicht mehr gelingt, er vor ihr ausspricht, was er empfindet, und in seine elenden Schranken zurückverwiesen wird, da schlägt die Stunde der Elizabeth Costello. Eines Tages steht sie bei ihm in der Tür, stellt sich knapp vor – er weiß, wer E.C. ist – und wird ohne besondere Umstände herein- und also in sein Leben gelassen.

Von nun an ist er ein Mann unter Beobachtung. Elizabeth hat sich mit dem korrekten Zitieren des Romanbeginns, den wir hundert Seiten zuvor gelesen hatten, legitimiert, aber als was? Coetzee lässt das ein wenig im Verschwommenen, und diese Undeutlichkeit verlässt den Roman von da an nicht mehr. Hat sie diesen Roman erfunden, oder sucht sie Material für einen neuen? Kann sie Pauls Leben steuern, oder bleibt sie Kommentatorin? Ist sie jemand aus der Welt der Imagination, oder ist sie einfach eine etwas aufdringliche ältere Dame, an die man sich immerhin gewöhnen könnte?

So viel ist klar: Sie mischt sich in Pauls Leben ein. Dummerweise ist Marjana, seine Pflegerin, nämlich erstens verheiratet und zweitens Mutter. (Und obendrein ist sie auch noch kroatische Immigrantin in Adelaide, Australien, wo das Ganze spielt, und Restauratorin. Und schön. Und liebenswert.)

Dass sich daraus moralische Probleme ergeben, verstehen der Verliebte, seine Hüterin und der Leser gleichermaßen, aber die Zugeständnisse, die man so einem zubilligt – und da er behindert ist, erst recht –, sind doch sehr unterschiedlich. Elizabeth jedenfalls behelligt Paul ständig mit der Erkenntnis, dass seine Nettigkeiten Marjana oder etwa ihrem Sohn gegenüber nur scheinbar selbstlose Freundlichkeit sind, in Wahrheit aber die Anbahnung eines Geschäfts: Ich zahle deinem Sohn ein Stipendium, und du…

Ach ja, natürlich hat Elizabeth Recht, wenn sie ihm unentwegt als eine Art persönlicher kategorischer Imperativ im Nacken sitzt. Wer liebt, will etwas haben, ist diese Erkenntnis so neu? Ist es immer noch eine Tat, jemanden streng darauf hinzuweisen, wo die Grenzen sind, zumal wenn der Betroffene sie durchaus respektiert, ja gar keine Chance hat, sie nicht zu respektieren?

Paul, der sich ja sowieso nichts traut, hat mit Elizabeth Costello eine Person an seiner Seite, die zwischen Schutzengel, Nervensäge und Prinzipienreiterin eigentlich das Behinderndste ist, das ihm widerfahren konnte. Statt dass er tut, was er möchte, auf die Gefahr hin, auf halbem Weg eins auf die Nase zu kriegen – aber dann immerhin den halben Weg hatte –, muss er sich ständig zurechtweisen lassen.

Ein Buchheld, der zwei Autoren hat, die sich bestens bei ihm auskennen und sich etwas darauf zugute halten, ihm seine kleinen Täuschungsversuche nachzuweisen, hat es wahrlich nicht leicht. Erst recht, wenn er dann auch noch Sätze hören muss, die ihn endgültig literarisch ausbleichen: »Sie haben ein Bein verloren, ich weiß, und die Fortbewegung ist kein Spaß; aber ab einem gewissen Alter haben wir alle ein Bein verloren, mehr oder weniger.« Mehr oder weniger.

Zerschlagenes Geschirr, Reue, Tränen, dann heißer Sex

So kommt Paul nicht zu dem Glück, das er wenigstens herausfordern wollte, und Elizabeth darf auf klägliche Weise Recht behalten. Ist es das, Mr. Coetzee, was Sie wollten? Und haben Sie deswegen Ihrem Helden eine so unsägliche Fantasie über die Ehe seiner Angebeteten unterstellt wie diese: ein vertrautes Verhältnis mit hin und wieder einem Streit, wie auf dem Balkan üblich, um dem Ganzen Würze zu geben: Vorwürfe, gegenseitige Beschuldigungen, zerschlagenes Geschirr, zugeworfene Türen. Darauf Reue und Tränen, dann heißer Sex. Dann heißer Sex.

Von Elizabeth erfahren wir jedenfalls auch in diesem Buch nicht viel mehr, als uns das erste anfänglich versprach, und alles in allem ist das nicht genug. Sie ist jedenfalls nicht die gegen alle Widrigkeiten erfinderische Frau, sondern sie ist die Anwältin des rechthaberischen Anstands, anders gesagt: Sie ist einfach langweilig.

Natürlich verfolgt Coetzee seine Geschichte mit Hintersinn, aber allzu offensichtlich möchte er zugleich moralisch korrekt bleiben. Interessante Romanfiguren entwickeln jedoch immer ein Eigenleben, und das ist es, was sie aufregend macht, für den Autor und dann auch für den Leser. Coetzee aber hat sich mit der kurzen Leine, an der Elizabeth Costello ihren Paul Rayment hält, selbst die Hände gebunden. Etwas angestrengt legt man das Buch beiseite, denkt an Schande und freut sich auf den nächsten Coetzee. Diesmal aber bitte ohne Frau Costello.

ZeitlupeRomanRoman; aus dem Englischen von Reinhild BöhnkeJ. M. CoetzeeBelletristikBuchFischer Verlag2005Frankfurt a. M.18,90301
Zur Startseite
 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Artikel Auf mehreren Seiten lesen
    • Schlagworte Roman | Tierschutz | Australien | Adelaide | Balkan
    Service