Erzählungen Großer Geist und Drang

Dietmar Daths unerwiderte Liebe zur Massenkultur

In der Volksbühne trifft sich am Wochenende die Berliner Szene. Bei Dietmar Dath hört sich das so an: »So viele Zombotiker, die in ihrem ersten, biologischen Leben nicht die Dreißig erreicht haben, dann verstorben sind und wiederbelebt wurden, habe ich noch nie auf einem Haufen gesehen.« Ja, in teilt der ehemalige Chefredakteur des Magazins und derzeitige Feuilletonredakteur der aus. Nicht selten ist es die so genannte Poplinke, die seinen Spott ertragen muss. Doch die sollte das nicht so persönlich nehmen, ist sie doch nur eine Facette in Daths vor sich hin wucherndem Unterhaltungsroman, in dem es neben der Journalistenszene in Berlin-Mitte auch um Neonazis in der badischen Provinz, Dämonenjägerinnen in Freiburg, knabenmordende Familienväter und sehr viele lebende Leichen, genannt Zombies, geht. Ach ja, und um Hillary Clinton und eine neue Weltordnung, die dem alten Leninismus doch sehr ähnlich sieht. Kurzum: Dieser Roman neigt dem Monströsen zu, und das nicht nur auf inhaltlicher, sondern auch auf formaler Ebene. Mit 971 Seiten, 89 Protagonisten und mindestens acht Handlungssträngen braucht man schon sehr viel Muße und muss gut im Zappen sein. Das Gehirn, so haben Forscher herausgefunden, versucht ständig, Kohärenz herzustellen. Mit hat es etwas zu tun.

In Die salzweißen Augen beschränkt sich Dath dahingegen aufs Wesentliche: auf den Konflikt zwischen Hirn und Herz. Zwar baut David, sein fiktiver Verfasser von 14 Briefen über »Drastik und Deutlichkeit«, auch hier wieder viel Anekdotisches und Sektiererisches ein, schimpft über die Engstirnigkeit im Popbetrieb und lamentiert über das Unverständnis, das ihm aufgrund seiner Vorliebe für kulturindustrielle Drastik entgegenschlägt, verliert dabei aber nie sein Ziel aus den Augen: der eigenen Wahrheit näher zu kommen.

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In der zunächst etwas abgeschmackt vatihaft wirkenden Form des Briefromans (»Aus Gründen, die ich Dir im nächsten Brief auseinandersetzen will und die mit dem Verhältnis von Drastik zum Problem Wirklichkeit versus Virtualität zu tun haben…«) erzählt Dath von der Liebe des Heavy-Metal-Fans David zur braven Sonja. Dass David dabei Sonja wieder zu nahe tritt, so wie damals im Schwimmbad, sie als Kunstfigur missbraucht, um seine eigenen Gedanken zu ordnen, ist Teil des großen Entwurfes: einen obsessiven, bisweilen manischen Intellektuellen zu vivisektieren und dessen Verhältnis zu seinen Mitmenschen. Sichtbar wird die Einsamkeit eines himmelstürmenden Geistes, die Tragik eines Heavy-Metal-Fans, der sich mit Goethes Faust identifiziert.

Als Surplus erfährt man mehr über den Forschungsstand der populären Kultur als aus einer Cultural Studies- Anthologie. Manchmal sogar mehr als einem lieb ist. Science-Fiction, Heavy Metal, Amokläufer, Pornografie – das sind die drastischen Objekte der analytischen Begierde des Briefschreibers. Dessen »Sachkompetenz in drastischen Ästhetica« wird von den Journalistenkollegen geschätzt, und in der Tat ist es unübertrefflich, wie antikonventionell sich David dem kulturellen Trash annähert. Dass er jedoch Sonja mit seinen massenkulturellen Vorlieben intellektuell belästigt, seinen »analytischen Apparat zum Drastikverständnis« vor ihr »auspackt«, zeigt, wie nahe echte Leidenschaft und Übergriffe nebeneinander liegen.

Beide Bücher liefern prächtiges Kanonenfutter für die gerade einmal wieder aufbrandenden Scharmützel innerhalb der Linken in Deutschland. Altlinks oder poplinks, modern oder poststrukturalistisch, für oder gegen Amerika, politisch korrekt oder neoliberal – wer raus aus dem Graben und rein ins Schlachtfeld will, lese den drastischen Dietmar Dath.

Für immer in HonigErzählungenDietmar DathBelletristikBuchImplex-Verlag2005Berlin39,90971Die salzweißen AugenVierzehn Briefe über Drastik und DeutlichkeitDietmar DathBelletristikBuchSuhrkamp Verlag2005Frankfurt a. M.19,80216
 
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    • Quelle (c) DIE ZEIT 13.10.2005 Nr.42
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    • Schlagworte Dietmar Dath | Literatur | Erzählung | USA | Pornografie | Science Fiction
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