Man muss sich das Gehirn von Jonathan Safran Foer als eine rastlos ratternde Maschine vorstellen, die ständig neue Ideen und Eindrücke und Erkenntnisse und Wahrheiten und Träume und Lügen und Tatsachen findet und erfindet, sie dreht und wendet, sie ablegt und sortiert und sie dann und wann höchst geschickt und beeindruckend virtuos neu zusammensetzt. Jonathan Safran Foer schreibt Bücher, deshalb könnte man annehmen, er sei hauptberuflich Schriftsteller; tatsächlich ist er eher ein Naturforscher, der mit Worten zu tun hat.

Das macht einen Teil der Schönheit seiner Bücher aus, denn er kommt mit merkwürdigen, wunderbaren Fundstücken aus seinem zwischen Alltag, Blitzphilosophie und Geschichtstiefe weit gesteckten Erkundungsfeld zurück; es ist aber auch ein Teil der Probleme seiner Bücher, denn die Menschen, ihre Geschichten und Schicksale, die er von seinen fantastischen Exkursionen mitbringt, wirken allzu oft wie ausgedachte Wesen, die nur aus Buchstaben bestehen und zusammengehalten werden durch etwas, das man Melancholie nennen könnte, wenn es nicht so süßlich wäre. Rührung ist vielleicht das bessere Wort.

Jonathan Safran Foer ist also in seinem Schreiben zuallererst ein kindlicher Sammler. Er bewahrt alle seine Trophäen, all die netten, klugen, weisen und witzigen Sätze und Figuren und Geschichten, in einem großen Setzkasten auf, den er "Roman" nennt und den er ab und zu öffnet, damit der Leser staunend davor stehen darf, hier mal was anfasst, dort mal weint, hier mal getröstet wird. Es ist eine sentimentale Achterbahnfahrt.

"Wie wäre es mit einem Teekessel?", so rast es los, Extrem laut und unglaublich nah, was nicht nur der Titel seines zweiten Romans ist – es beschreibt seinen Schreibstil genauso wie die Schrecken des 11. Septembers 2001, die das Buch vorantreiben. "Wie wäre es, wenn die Tülle beim Austreten des Wasserdampfs wie ein Mund auf- und zuklappte und hübsche Melodien pfiffe, Shakespeare aufsagte oder einfach mit mir ablachte? Ich könnte auch einen Teekessel erfinden, der mir zum Einschlafen mit Dads Stimme etwas vorliest, vielleicht auch einen ganzen Haufen Kessel, die im Chor den Refrain von Yellow Submarine singen", und so weiter, über 400 Seiten lang, atemlos und kurios. Denn Dad ist tot, er heißt Thomas Schell, und umgekommen ist er in den Trümmern des World Trade Center. Sein Sohn heißt Oskar, er ist neun und ein gewitztes Kleingenie, das mit all seiner Intelligenz gegen die große Tragödie in seinem Leben anrennt.

Naivität ist ein Weg, sich dem Grauen der Geschichte zu stellen

Oder gegen all die Tragödien, die sich über seiner Familie auftürmen. Und in der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts. Und überhaupt. Jonathan Safran Foer hat schließlich nie unter zu geringem Selbstbewusstsein gelitten.

Als er 25 war, veröffentlichte er seinen ersten Roman, Alles ist erleuchtet, ein Welterfolg auch bei uns 2003, der jetzt mit Elijah Wood in der Hauptrolle in den amerikanischen Kinos läuft. Foer erzählte darin die verschlungene Geschichte eines jungen Amerikaners mit Namen Jonathan Safran Foer, der in der Ukraine nach der zerstörten, verschwundenen, lebendigen Geschichte seiner Familie sucht, nach dem Schtetl, nach dem Ort, wo alles 1791 begann und 1941 alles endet.