Dies Buch handelt von einem Land, das Österreich heißt und die Form einer "Hühnerkeule" hat. In diesem Land leben Menschen wie du und ich. Manchmal sind sie tüchtig und stark und tun, was für sie vermutlich das Beste ist, doch meistens sind sie faul und schwach. Im Politischen und im Privaten. Erst verehren sie ihren Kaiser Franz Joseph, später den Parvenü Hitler, und noch etwas später wissen sie nicht mehr, wer von den beiden zuerst da gewesen ist. Dann flüchten sie sich Hals über Kopf ins Intime, glauben dem Augenzwinkern der Liebe, und das ist: "Ja, mein Gott, was? Was? Ich habe auch viele Was?"

Es geht uns gut umfasst drei Generationen einer Familie von 1938 bis 2001. Arno Geigers Buch ist kein braver Roman über Glück, Spott oder Schmäh, auf den sich die Österreicher so gut verstehen. Arno Geiger ist kein gewitzter Wiener, er ist ein siebenunddreißigjähriger Bregenzer, und wer auf die Idee kommt, Geigers Familienroman mit Vienna, dem Familienbuch Eva Menasses, zu vergleichen, der merkt sehr bald, dass die beiden Bücher sich nicht nur in der Geschmeidigkeit der Oberflächen unterscheiden.

Auf dem Dachboden lagern Taubenkot und die Erinnerungen

Dr. Richard und Alma Sterk, ihre Kinder Ingrid und Otto, Ingrids Mann Peter, und den Enkel Philipp zeigt Arno Geiger aus mindestens drei Perspektiven, oft in schnellem Wechsel: beschrieben vom Erzähler, den handelnden Personen und deren inneren Gemurmel. Manchmal fallen sich Richard, Alma, Ingrid, Peter und Philipp ins Wort. Denn oft halten sie, was sie gerade denken, selbst kaum für möglich.

Die Sterks, plus Schwiegersohn, haben ein ausgeprägtes Interesse an ihren eigenen Fehlern. Ihre Selbsterkenntnisse haben keine Folgen, sie sind weder Weltverbesserer, noch können sie aus ihrer Haut. Arno Geiger schreibt, ohne aufzutrumpfen, sachlich, wendig, manchmal auch sperrig (besonders am Anfang) und mit Austriazismen durchsetzt. Man weiß immer, in welchem Land man ist, und Österreich hat einen Roman über seine jüngste Geschichte, den Anschluss, die Hitler-Begeisterung, über die, gäbe es nicht Jelinek, Streeruwitz, Robert Menasse & Co, am liebsten geschwiegen wird.

Arno Geigers Erforschung der Sterks beginnt im Jahr 2001 mit einer Rückblende auf dem Dachstuhl eines zweistöckigen Hauses. Überall Taubenkot und Gestank. Philipp Erlach, ein Schriftsteller, der nicht schreibt, ein unglücklicher Fantast, den man nicht nur "in puncto Familie" vergessen hat, "auf den Geschmack zu bringen", hat das Haus in der Wiener Vorstadt von seiner Großmutter Alma Sterk geerbt. Das Haus ist das Zentrum für die Reise auf dem Fleck. Erzählt werden einundzwanzig Tage zwischen 1938 und 2001. Dreizehn Tage aus dem Jahr 2001, aus den vorangegangenen Jahrzehnten werden ein oder zwei Tage ausgewählt, das Jahr 1990 kommt nicht vor. In einer raffinierten und genauen Schnitttechnik springt der Text durch die Zeit und ihre wechselnden Stimmungen. Das Personal altert, verschiebt und verändert seine Lebenseinsichten. Arno Geiger hat einen scharfen Blick für das Älterwerden, er beschreibt es durch Alma Sterk, sanft, klar und hellsichtig.

Eine gusseiserne Kanonenkugel in ihrem Haus in der Wiener Vorstadt ist das Menetekel des Romans. Alma droht ihrem Enkel, die Kugel, mit ihm drauf, zurück zu den Türken zu schicken. Eine Kanonenkugel im Hausflur ist ein Zeichen für Sieg und Niederlage. Schon in seinem Debütroman vor acht Jahren zeigte Geiger in der Kleinen Schule des Karussellfahrens die Gesamtansicht eines Verlierers. In Es geht uns gut hat Ingrids Mann Peter das Spiel "Wer kennt Österreich?" erfunden, dessen letzte Regel "Der Verlierer darf nicht lachen" heißt.

Es geht nicht um die Idylle, sondern um das Auseinanderdriften der klassischen Konstellation: Vater, Mutter und zwei Kinder. Die einzelnen Familienmitglieder werden in signifikanten Situationen dargestellt. Der Patron Dr. Richard Sterk, autoritär, aber kein sturer, zu keiner Reflexion fähiger Bock, begehrt das Hausmädchen und schämt sich dafür, seine Frau Alma kreist um und in sich, ihre Bienenzucht bietet ihr Anschauungsmaterial. Der Sohn Otto verschwindet am 8. April 1945 fünfzehnjährig, die Panzerfaust über der Schulter, in Wiens Ruinen, in der sein Fähnleinführer und weitere Hitlerjungen auf ihn warten. Und weil zwischen den Szenen oft Jahre vergehen, hört man Alma erst vierundvierzig Jahre nach Ottos Tod sagen: "Es ist schon abenteuerlich, nach so vielen Jahren, dass diese Schmerzen noch immer nicht verschmerzt sind." Als Ingrid 1962 mit ihrer Familie die Eltern besucht, um Möbel abzuholen, ist die Stimmung verklemmt. "Jedes Wort ist falsch. Also schade drum", räsoniert Ingrids Vater. Weil keiner den anderen kennt oder sich Mühe gibt, ihn kennen zu lernen, kreisen die Gedanken etwa so: Richard überlegt sich, was Alma denkt, fragt sie aber nicht. Alma weiß, was Richard denkt, sagt ihm aber nicht, was sie weiß.

Emotionale Bindungen sind Geigers Material. Die unausgesprochenen Gedanken interessieren ihn am meisten. Einige wenige niederschmetternde Anmerkungen genügen, um das Familienleben als absurde Folge von Kettenreaktionen darzustellen. Ingrid flieht den autoritären Vater und heiratet einen Schwächling, Ingrids Sohn Philipp ist noch schwächer als sein schwacher Vater. "Feiger als ein Stallhase", mit Philipps Selbstbild gibt’s nichts zu punkten. Bei den Sterks, das zeigt der Autor an der Figur Ingrids, kippt Bewunderung in Widerstand. Als Kind ist sie Vaters Liebling, und er "ihr Held", dann die Abwendung in der Pubertät. "Ich verhandle nicht jahrelang mit den Sowjets, damit meine Tochter den Verstand verliert." In klassischer Manier wirft Richard Sterk Beruf und Privatleben, Dankbarkeit und Gehorsam durcheinander. Die Tochter verliert nicht den Verstand, ihr Leben aber an den falschen Mann. Sie erfüllt, ohne sich dessen bewusst zu sein, den Auftrag, den der Vater ihr gegeben hat. Sie wird nicht Schauspielerin, sondern eine tüchtige Ärztin, Mutter und Frau, die zu spät erkennt, "dass es blöd ist, immer die perfekte Ehefrau abgeben zu wollen".

Alma hält sich immer im Hintergrund, aber sie ist das heimliche Zentrum des Buchs – diese Bienenzüchterin, Flötenspielerin und Leserin, die im großen Finale des Romans, Kellers Grünen Heinrich auf dem Schoß, neben Richards Bett sitzt und dem stummen, dementen Zuhörer von den Umbrüchen im Osten erzählt, den Wahlen in Vorarlberg, dem reparierten Fallrohr der Dachrinne, von Frosch und Blindschleiche, die sie beim Rasenmähen getötet hat, vom misslungenen Hochzeitsflug der Bienenkönigin, von seinen und ihren besten Zeiten. "Ich war glücklich, ich meine insofern glücklich, als ich damals nicht ahnte, dass das Leben ein großes Hindernislaufen sein wird, das auf Dauer müde macht."

Am Ende ist das Geplapper sehr viel realer als die Geschichte

Arno Geiger ist ein Meister der Vermischung der Realitäten, von Weltpolitik und Alltag, von Geplapper und Überlegung. Er beschreibt, was schwer zu beschreiben ist. Wie unser sprunghaftes Hirn reagiert, von Thema zu Thema hüpft, ein permanenter Prozess der Überlagerung. Durch diese Technik kommt er den Personen sehr nah, auch dem 1900 geborenen Richard Sterk bricht er den Panzer.

Es geht uns gut ist mehr als ein Österreich- und Familienroman. Es ist auch ein Buch über den Beruf des Schriftstellers und das Leben des Beobachters. Arno Geiger entfaltet ein genau komponiertes Stück, ein Panorama aus dreiundsechzig Jahren Geschichte. Im Zentrum steht das Verheimlichte, all das, worüber man nur mit sich selbst redet. Ein beeindruckender Roman über verpasste Gelegenheiten, die Macht der Gedanken und über den großen Zwiespalt zwischen Denken und Handeln. Ein ernstes und gelungenes Buch.