Daniel Kehlmann Als die Geister müde wurdenSeite 3/3

Nichts dergleichen in der Vermessung der Welt. Statt eines romantisch-surrealen Spiels mit den Wissenschaften vielmehr ein lapidar-ironischer Erzählton, immer nahe an den Lebensläufen, nie identifikatorisch, aber in freundlich spöttischer Brechung. In seinem Erfolgsroman Ich und Kaminski hat Kehlmann diesen Schritt zum humoristischen Erzählen mit seinen karikaturhaften Elementen und seinen witzigen Zuspitzungen geübt. Jetzt kann er das. Jetzt kann er eine Doppelbiografie in Romanform schreiben, die unterhaltsam ist, klug und gut gemacht, aus der man zudem einiges lernt.

Und trotzdem hätte man gerne mehr gehabt, wäre gerne stärker ins Drama der Erkenntnis hineingerissen worden, hätte gerne mehr über den Zusammenhang zwischen naturwissenschaftlicher und kultureller Erkenntnisproduktion erfahren, auch darüber, was den wissenschaftlich-mathematischen Weltzugang im Kern befeuert. Dafür dass sich Kehlmann nicht an die Fakten hält, also einen Roman schreibt, hätte er mehr wagen, mehr spekulieren dürfen, auch über literarische und mathematische Darstellungsverfahren.

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Man muss Kehlmanns Weltvermessung Respekt zollen und, was die Organisation des reichen Materials angeht, sogar Bewunderung. Und doch fehlt es ihm an literarischem Mut, an Spiellaune, Erfindungsfreude und Gegenwartsbezug. Am Ende gibt er denn doch ein Bild, das über den zu engen Binnenraum hinausweist. Melancholisch sind sie geworden am Ende ihres Lebens für die Wissenschaft, grundlos traurig und zugleich abgeklärt und selbstbewusst: Gauß und Humboldt, der Theoretiker und der Empiriker, zwei alte Männer, mit denen nun fast ein absurdes Beckett-Stück beginnen könnte. Doch so ist es nur eine lehrreiche Doppelbiografie geworden. Das ist schon etwas, doch zu wenig für die Fähigkeiten Daniel Kehlmanns.

Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt

Roman; Rowohlt Verlag, Reinbek 2005; 304 S., 19,90 €

 
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