"Kleist, Kraus, Beckett, Bernhard – das kann nur ich." (Werner Kofler, Notizblock)

Gewiss, es gibt leichter zugängliche Bücher als diese drei, die vor gut fünfzehn Jahren in knappen Abständen unter den Titeln Am Schreibtisch , Hotel Mordschein und Der Hirt auf dem Felsen erstmals im Rowohlt Verlag erschienen und jetzt als Triptychon vom Wiener Deuticke Verlag neu aufgelegt worden sind. Ebenso gewiss sind mit ihrem Autor, dem inzwischen 58-jährigen Österreicher Werner Kofler, weder Staat noch Geschäfte zu machen. Auch wenn es an Literaturpreisen in der Schriftstellervita nicht mangelt, artige Dankesreden oder die in Österreich zu solchen Anlässen noch beliebteren "Widerreden" zur katastrophalen Lage der Nation und der naturgemäß noch katastrophaleren Lage der Literatur hat man von Kofler nie gehört. Eher schon ein mürrisches Brummen oder eine kurze, umso feiner durchdachte und formulierte Persiflage des ganzen Zeremoniells. Die Geschäftspartner wiederum sind ihm im Laufe der Jahre "abgesprungen", wie es im Wirtschaftsdeutschen so schön heißt: Erst Wagenbach, dem Kofler 1975 mit Guggile. Vom Bravsein und vom Schweinigeln , dieser von der Kritik viel gelobten "totalen Autobiografie" aus der Kärntner Provinz, einen Klassiker der so genannten "Post-68-Literatur" beschert hatte; dann Rowohlt, wo man im Laufe der neunziger Jahre – nach dem Erscheinen des Triptychons und zweier weiterer Prosabände – offenbar Angst vor dem eigenen verlegerischen Mut bekam und statt des Lektorengriffels schließlich den Rechenstift zückte.

Werner Kofler, ein Generationskollege ungleich prominenterer Autorinnen und Autoren wie Peter Handke, Elfriede Jelinek, Gerhard Roth und Peter Turrini, gilt als unbequemer Zeitgenosse, als Außenseiter und Einzelgänger eines österreichischen Literaturbetriebs, der sich im Gefolge von 1968 vor allem mit Talenten aus der Provinz gebildet hat (der Steirer Michael Scharang zählte ebenso dazu wie der Niederösterreicher Gernot Wolfgruber), die sich in den vermeintlichen (Kultur-)Metropolen Graz und Wien niedergelassen haben. Die Gründe für Koflers Randposition – in der Frankfurter Rundschau hat man ihm einmal einen "Logenplatz in der Weltliteratur der underdogs" zugewiesen – sind mannigfaltig. Sie liegen aber weniger in der Persönlichkeit des Autors als in einem literarischen Werk, das in seiner Radikalität und Authentizität, seiner stilistischen Kunstfertigkeit und sprachlichen Brillanz seinesgleichen sucht. Und es ist gerade dieses Triptychon, das einen unbestrittenen, wenn auch oft unverstandenen und – wie bei nahezu allen Büchern dieses Autors – weithin unbemerkten Höhepunkt im Koflerschen Schreibverfahren markiert.

"Ich kann schreiben, was und wie ich will, belangen, schriftlich belangen, wen ich will, es wird übersehen", hebt der Ich-Erzähler in dem Roman Am Schreibtisch zu einem furiosen Lamento an. "Seit Jahrzehnten ist eine Verschwörung gegen mich im Gange, das ist objektiv gesichert, eine Verschwörung der sogenannten Literaturöffentlichkeit, mehr noch, eine Weltverschwörung, eine Weltliteraturverschwörung!" Aber jetzt wird abgerechnet. Unter dem sich selbst erteilten Schreibbefehl "Literatur ist Verbrechensbekämpfung" kommen sie alle ins Visier des prosaischen Freischärlers und Heckenschützen: der sozialdemokratische Bundeskanzler (jener Jahre), "der aussieht wie eine Piz Buin Reklame" und "den Nationalpark mit der Nationalbank" verwechsle; der damals noch weithin unbekannte jetzige Kärntner Landeshauptmann, "ein Rotzbub, der Pfeife raucht über seinem Trachtenanzug, und dem ein paar Backpfeifen wohl zu Gesicht stünden." Auch den vermeintlich Guten geht es im einmal eröffneten Strafregister um nichts besser: der "Simmelkitsch" und der "Friedensfried" heißt es da, während Alfred Hrdlicka zum "proletarischen Schwulstmeißler" degradiert wird, und Peter Turrini alias Rolf Torring bei seinem Kampf für eine "Politik der Wärme und Zärtlichkeit" in die "Arena der Massenunterhaltung" steige und einzig "über dem Zustand der Sozialdemokratie" verzweifle. André Heller ("der schlimmste Schundartikel, den die Wirklichkeit je hervorgebracht hat") wird ebenso vorgeführt wie Otto Mühl und Hermann Nitsch, und immer wieder ist es Thomas Bernhard, jener "größte private oberösterreichische Obsessionseigentümer" und "Kasper aus Ohlsdorf", den Werner Koflers Ich-Erzähler parodieren und paraphrasieren. Aus diesem politisch unkorrekten und bösartigen Pointenfeuerwerk ("Je geschmackloser, desto besser!", Kofler über Kofler) entwickelt sich schließlich eine von enormem Sprachwitz getragene Chronik jener Jahre, in denen die Zweite (österreichische) Republik eine gehörige Zäsur durchlebte: die so genannte "Waldheim-Ära" und den Aufstieg des Rechtspopulisten Jörg Haider; das Ende vom "Opfermythos" Österreichs während des Nationalsozialismus und den Kulturkampf um Thomas Bernhards Stück Heldenplatz am Wiener Burgtheater.

Werner Kofler als satirischer Chronist in der Nachfolge Karl Kraus’, der den Zeitgeist – von seinen künstlerischen Höhen bis zu seinen kleinformatigen Tiefen – im Zitat entlarvt, das ist eine Lesart dieses Prosatriptychons. Eine zu kurz gegriffene, die der Rezeption des Werks (insbesondere außerhalb Österreichs) eher geschadet hat, ebenso wie jener von der Kritik immer wieder herbeigeschriebene und von Kofler selbst schon früh ( Amok und Harmonie , noch zu Wagenbach-Zeiten) ad absurdum geführte Vergleich mit Thomas Bernhard und dessen Übertreibungskunst. Gerade die Neuauflage der drei zum Triptychon zusammengefassten Prosabände bietet die Möglichkeit, über den beträchtlichen "chronikalen Gebrauchs- und Unterhaltungswert" hinaus die Grundlagen und Merkmale einer Poetik und Stilistik hervorzuheben, die diese drei Bücher zum Besten zählen lassen, was in der österreichischen Gegenwartsliteratur der letzten Jahrzehnte erschienen ist.

Da ist einmal ein ganzes Arsenal von erzählerischen Gestaltungselementen – Monologe, Tiraden, Sagen, Märchen, Minidramen, Protokolle –, in die der Autor seine Fundstücke der Wirklichkeit montiert, um sie wenig später gnadenlos wieder auseinander zu reißen, den Leser mit fortwährendem Perspektivenwechsel und einem Gewirr von Erzählerstimmen in die Irre zu führen, in ein hochalpines Schneegestöber, das sich bei zunehmender Polyphonie und Identitätszersplitterung schon einmal zum Sturm auswächst.

"Schreiben ist Bergwandern im Kopf", heißt es in dem Roman Am Schreibtisch , dem – wenn man so will – programmatischen Flügel des Triptychons. Und "Irrsinnskunststücke", geschrieben in einer Technik des "assoziativen Deliriums", nennt Werner Kofler selbst seine Prosa. Auch wenn der Weg nach etlichen Bergwanderungen, Balkanexpeditionen, Bahnreisen und anderen Nachtfahrten durchs Erzähler-Ich zwangsläufig im Irrenhaus endet ("Der Hirt auf dem Felsen"), ist selbst das nur eine falsche Fährte in einem literarischen Unternehmen, das auf strengen musikalischen Kompositionsprinzipen (anders als bei Bernhard ist es hier nicht Bach, sondern sind es eher Berlioz und Schubert, die den Ton angeben) beruht, und das sich nichts Geringeres als die Untersuchung der Zusammenhänge und Trennlinien von Kunst und Wirklichkeit vorgenommen hat. Ein Unterfangen, das Koflers gesamtes Schreiben bestimmt ("Sagt der Leser: Literatur, sagt der Autor: Wirklichkeit. Sagt der Leser: Wirklichkeit, sagt der Autor: Literatur", hieß es schon 1980 im Prosaband Aus der Wildnis ), das aber hier – gerade am Beispiel von (nationalsozialistischer) Geschichte und so genannter "Geschichtsbewältigung" – exemplarischen Rang erreicht. Nachlesbar etwa im Schlussteil das Textes Am Schreibtisch , wo – anlässlich der Errichtung des Deutschen Historischen Museums und des schon selbst Geschichte gewordenen "Historikerstreits" – der Unfug einer zum Spektakel verkommenden Museumspädagogik ("Geschichte als Erlebnisraum") aufs trefflichste entlarvt wird: "… naturgemäß wäre die einzige Möglichkeit, die jüngere deutsche Geschichte nachzuvollziehen, der Risikourlaub im Konzentrationslager" (selbstverständlich mit den Österreichern Heller, Hollein und Proksch als Gestalter dieser "Schreckens-Installation"). Nachlesbar auch im Mittelteil des Triptychons, im Hotel Mordschein , wo sich ein lokaler Kriminalfall zum beinahe kabarettistischen "Selbstverhör" über "Pflichterfüllung" und Kriegsvergangenheit auswächst (dermaßen knapp und treffend ist die so genannte "Waldheim-Affäre" in der österreichischen Literatur weder davor noch danach abgehandelt worden!), und schließlich in einem Prosastück, das mit seinem protokollarischen Stil und seiner ausgefeilten Konstruktion das Verhältnis von Kunst und Wirklichkeit auf eine derart beklemmende Weise vorführt, wie sie ebenfalls selten zu lesen ist: Ein KZ-Außenlager gibt den örtlichen Rahmen für die so bezeichneten Mutmaßungen über die Königin der Nacht ab. Reportiert werden die Schicksale der Zauberflöte-Darstellerinnen während des Nationalsozialismus. Von Prag und Breslau bis Salzburg und Graz, von Verhaftung und Flucht bis zu Verschleppung und Ermordung. Hier kann man sie nachlesen, die exemplarischen Antworten auf die schon zu Beginn des Triptychons gestellte Frage: "Hat die Kunst der Wirklichkeit standgehalten oder die Wirklichkeit der Kunst, das ist die Frage."

Widerlegt worden – und das gehört jetzt zur wirklichen Rezeptionsgeschichte des Triptychons – ist Werner Kofler übrigens in seiner von ihm und gegen ihn konstatierten "Weltliteraturverschwörung" des Übersehenwerdens. Im Abdruck einer wenig schmeichelhaften Textpassage aus dem Band Der Hirt auf dem Felsen in der Wiener Stadtzeitschrift Falter hatte sich ein Sensationsreporter der österreichischen Kronen Zeitung wiedererkannt und geklagt. Eine in Österreich nicht ungefährliche Sache, man denke nur an die Beschlagnahme von Thomas Bernhards Holzfällen und an das Vorführverbot von Herbert Achternbuschs Film Das Gespenst . Zwei Jahre dauerte der Prozess. Am Ende stand ein gut begründeter Freispruch, wenn schon nicht im Namen, so doch im Interesse der Freiheit der Kunst. Was den "Wirklichkeitszerstörer" Werner Kofler zu einer literarischen Meisterleistung im Ausloten von Konjunktiven und Invektiven anstachelte: Üble Nachrede – Furcht und Unruhe heißt der 1997 erschienene Prosaband. Es war das letzte Kofler-Buch bei Rowohlt.