Lyrik Blüten der Freiheit

Koreas Lyriker erzählen von Folter, Einzelhaft und der großen Gelassenheit des Alls

Es dauerte nur gut zwei Wochen, da wurde die Veröffentlichung seiner Gedichte in einer koreanischen Tageszeitung gestoppt. Im Sommer 1934 hatten die Leser wütend gegen die hermetischen Gedichte des Lyrikers Yisang (1910 bis 1937) protestiert, da man sie als sehr unverschämt empfand. Was war passiert? Es waren Gedichte abgedruckt worden, in denen Buchstaben verschiedener Größe verwendet wurden, Diagramme auftauchten, Zahlen und Wörter aus anderen Sprachen. Teilweise fehlten die Leerzeichen zwischen den Wörtern, sodass unübersichtliche Wortschlangen entstanden.

Der Dichter Yisang hatte den Dadaismus und den Surrealismus nach Korea gebracht. Mit einem Mal war die literarische Moderne da, nachdem sich das Land für Jahrhunderte der Außenwelt gegenüber verschlossen hatte. Während dieser Zeit dichteten die konfuzianischen Gelehrten gemäß strengen literarischen Traditionen und verfassten vor allem Naturlyrik. Das Eindringen europäischer, amerikanischer und japanischer Einflüsse zog gesellschaftliche und politische Veränderungen nach sich. Die Verstörungen, die dieser Umbruch brachte, lassen sich an Yisangs Gedichten ablesen, die dem Gewirr der neuen Zeit typografisch und inhaltlich Ausdruck verliehen: »Wer sollte bei solch einer Angst / auch nur einen Schritt tun.«

Anzeige

Wie viele junge Intellektuelle jener Zeit hatte es Yisang 1937 nach Tokyo gezogen, um dort zu studieren. Hier hatte man über den Umweg der japanischen Übersetzung Zugang zur europäischen Literatur. Gleichzeitig aber war ein Aufenthalt in Japan problematisch, hasste man den Nachbarn doch auch dafür, dass er Korea seit 1910 annektiert hielt. Außerdem wurden die Intellektuellen kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in Tokyo streng kontrolliert. Auch Yisang wurde als »Denktäter« aufgrund »antikolonialistischer Umtriebe« festgenommen. Damit blieb er keine Ausnahme, und man könnte die Geschichte des modernen Korea und seiner Literatur durchaus als eine Geschichte der Inhaftierung seiner Dichter schreiben. Anders als in der europäischen Tradition besitzen viele koreanische Autoren bis heute eine starke gesellschaftliche Autorität, was sich auf die politischen Positionen der vormodernen konfuzianischen Gelehrten zurückführen lässt.

Während der japanischen Besatzung, die bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs andauerte, wurde auch der Lyriker Kim Hyon-Seung (1913 bis 1975) gefangen genommen und schwer gefoltert. Als Christ hatte er sich geweigert, sich vor einem japanischen Tempel zu verbeugen. In seinen Gedichten der sechziger und siebziger Jahre, die unter dem Titel Der Mai Koreas erschienen sind, setzt er sich als einer der wenigen koreanischen Lyriker mit dem christlichen Glauben auseinander, einer Religion, die erst Ende des 19. Jahrhunderts nach Korea vordrang, der heute aber etwa ein Drittel der Bevölkerung anhängt. Kims Gedichte kreisen um das große Thema Einsamkeit. Fand sich diese Einsamkeit zunächst im Glauben an Gott aufgehoben, geriet der Dichter Ende der sechziger Jahre in eine tiefe Krise. Von diesem »Leben, in dem es keinen Gott gibt« und wo der Himmel leer bleibt, zeugen mehrere seiner mager und trocken klingenden, herbstlich raschelnden Gedichte.

Die Zeit der japanischen Kolonialherrschaft konnte dem koreanischen Selbstbewusstsein gerade deshalb so tiefe und bis heute spürbare Wunden zufügen, weil in dieser Zeit versucht wurde, die koreanische Sprache zu verbieten und jedem Koreaner einen japanischen Namen zu geben. Der Dichter Ko Un (geboren 1933) etwa wurde als Kind von den Japanern in Takabayahi Torasuke umbenannt. Noch heute trägt er seine japankritischen Gedichte mit großer Wut vor. Einige davon sind in Die Sterne über dem Land der Väter zu finden, doch enthält der Band auch Gedichte über die Teilung des Landes und gegen die Militärdiktatur, unter der Südkorea zwischen 1961 und 1993 litt. Als einer der Rädelsführer des Massenaufstands gegen die Diktatur, der 1980 in Kwangju im Südwesten des Landes stattfand, wurde Ko Un verhaftet und im Gefängnis so schwer gefoltert, dass er seither auf einem Ohr fast taub ist. Der Band Die Sterne über dem Land der Väter erschien bald nach seiner Freilassung. In ihm beschreibt Ko Un Momente aus seinem Leben und Menschen seiner nächsten Umgebung. Seit Jahren arbeitet er an dem Projekt, über alle Personen, die ihm in seinem Leben begegnen, ein Gedicht zu schreiben. Durch diese Aufmerksamkeit dem einzelnen Menschen gegenüber setzt der Lyriker zum einen der Historiografie eine Geschichtsschreibung von unten entgegen, zum anderen zeugt sie von einer unbedingten Empathie – ein buddhistisches Ideal, das daher rühren mag, dass Ko Un nach dem Koreakrieg zehn Jahre lang als Mönch durch Südkorea gewandert ist.

Mit der Empathie für alles Seiende geht im Buddhismus ein Gefühl der inneren Leere einher, das der Dichter Kim Chi-ha (geboren 1941) in seinen neueren Gedichten beschreibt. Von ihm sind nun gleich zwei Bände auf Deutsch erschienen: Blütenneid und Aufgehen der Knospe. Kim Chi-has Lyrik klang nicht immer so reduziert wie heute. In den siebziger Jahren waren seine wortreichen und ätzenden Satiren auf die Militärdiktatur im ganzen Land bekannt. Dafür kam auch er ins Gefängnis. Während der etwa siebenjährigen Einzelhaft begann er zu meditieren. Seine neueren Gedichte klingen darum stiller, ausgedünnter und weisen viele Leerstellen auf. Zwar kommentiert Kim Chi-ha noch immer die Entwicklung des modernen Korea, doch beschreibt er seit einigen Jahren vorwiegend existenzielle Erfahrungen wie die des Alleinseins und des Alterns. In seinen intensiven Texten gewinnen sehr kleine Dinge sehr große Bedeutung, wie etwa Kirschblüten, Schnee oder Grashalme. Seine Empathie gilt weniger den Menschen als der Natur, und er schlägt damit auch den Bogen zurück zur traditionellen koreanischen Naturlyrik: »Am Nachmittag betrat das All / mein leeres Herz. / Heute Nacht / könnte ich sterben. / Nach meinem Tod / werde ich über dem fernen Fluss / als Mondsichel aufgehen.«

Etwas wortreicher klingen da Kim Soo-Youngs (1921 bis 1968) Gedichte aus den fünfziger und sechziger Jahren, doch ist auch ihm Nüchternheit für die Erkundung seines eigenen Inneren wichtig: »ich mag / kein Leben führen von irgend etwas berauscht«. Wie eine Zwiebel häutend, erkundet er die Zwischenschichten seiner Seele, doch findet dies nicht im geschichtslosen Raum statt. Der zurückliegende Koreakrieg, in dessen Folge er als Soldat der nordkoreanischen Volksarmee in südkoreanische Gefangenschaft geriet, und die Teilung des Landes bilden stets den Hintergrund seiner Gedichte.

Leser-Kommentare
  1. Ko Uns Lieblingsgedichtband "Zen-Gedichte, was'n das?"
    (Sonsi muonya?) ist nun auf Deutsch erschienen.

    Ko Un: Zen-Gedichte, was'n das. Aus dem Koreanischen von
    Hans-Jürgen Zaborowski. 116 Seiten. Gebundene Ausgabe. 25 EUR. ISBN:
    3936018375.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
  • Quelle (c) DIE ZEIT 13.10.2005 Nr.42
  • Kommentare 1
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Lyrik | Literatur | Südkorea | Gedicht | Japan | Tokio
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service