Das Thema scheint in der Luft zu liegen. Schon vor Thomas Lehr gab es Versuche, die geheimnisumwitterte Forschungsstätte Cern in Genf literarisch zu thematisieren. Sie steht weltweit an der Spitze, was Experimente zur Teilchenbeschleunigung, zur Atomphysik anbelangt; der Italiener Daniele del Giudice schrieb vor Jahren einen Roman darüber, und jetzt hat auch der amerikanische Bestsellerautor Dan Brown einen seiner Thriller im Cern spielen lassen: Terroristen entführen aus dem Cern ein Gramm Antimaterie, um die Welt in Schutt und Asche zu legen – ein für Wissenschaftler ziemlich lachhafter Vorgang, eine Effektsuche jenseits aller Erkenntnis.

Thomas Lehr hat nichts mit derlei Schmökern zu tun. Der Autor kennt die Naturwissenschaften, er hat Biochemie studiert und ist in den neuesten physikalischen Forschungen zu Hause. Seine Obsession aber gilt dem Roman, und seine literarische Versuchsanordnung, in der das Cern in Genf im Mittelpunkt steht, verbindet das Physikalische und das Poetische in einer bisher ungewohnten Art und Weise. Alles, was in diesem Roman über das Cern und seine Ausgangsbedingungen gesagt wird, ist fundiert und entspricht den tatsächlichen Gegebenheiten. Doch dann entwickelt sich eine Handlung, die märchenhaft anmutet, naturwissenschaftlich nicht mehr erklärbar ist und dennoch eine verwirrende, in sich geschlossene Logik aufweist.

Science-Fiction-Liebhaber, die sich vom Titel angesprochen fühlen, stehen dabei vor einer besonderen Herausforderung. 42 lautet der Titel, nichts weiter als diese Zahl, und wer Douglas Adams und sein Kultbuch Per Anhalter durch die Galaxis gelesen hat, weiß, dass die Zahl 42 hier, auratisch und geheimnisvoll, als Chiffre für die Erklärung der Welt, für den letzten Sinn stand – als Ergebnis einer aufwändigen mathematisch-physikalischen Berechnung. Eine der interessantesten Nebenerscheinungen des Romans von Thomas Lehr wird sein, wie sich die Douglas-Adams-Fans dazu verhalten. Denn Lehrs Roman scheint durchaus Elemente von Science-Fiction zu haben, und es entsteht auch eine starke Spannung. Doch nie wird dieser Roman zu Fantasy, nirgends tauchen fantastische Wesen auf. Es ist alles – auf eine verstörende, irreale Weise – realistisch.

Um 12.47 Uhr und 42 Sekunden bleibt die Zeit plötzlich stehen. Wie das genau geschieht, ist Anlass zu diversen Vermutungen: Es hat offenkundig etwas mit einer öffentlichen Präsentation des Cern zu tun, zu der Pressevertreter eingeladen sind, und dabei geschieht etwas Unvorhergesehenes. 70 Menschen, die sich zufällig im Bannkreis des Cern-Inneren aufhalten, leben weiter wie zuvor, können sich bewegen und halten sich innerhalb der gewohnten Zeitvorstellungen auf, sie altern und agieren wie üblich. Der Rest der Welt aber steht still. Die Menschen sind mitten in ihrer um 12.47 Uhr und 42 Sekunden erfolgten Bewegung fixiert, sie sitzen im Café, sie stehen vor einem Schaufenster, sie laufen gerade durch die Fußgängerzone: sie sind in genau diesem Moment festgehalten, aber sie sind offenkundig nicht tot. Es ist einfach eine Zeitlücke, in die die 70 Personen auf dem Cern-Gelände gefallen sind. Die übrige Welt merkt davon nichts. Würde die Zeit einfach weiterlaufen, könnte sich niemand von der übrigen Bevölkerung an irgendetwas erinnern. Doch die nicht vom Sekundenstillstand erfassten 70 Personen atmen und laufen durch die stillgelegten Abläufe der Welt wie durch einen merkwürdigen Zirkusparcours: Es ist immer 12 Uhr mittags, ihre Körper bekommen eine bronzene Sonnenbräune wie in den Tropen, und wir erleben fünf Jahre in ihrem Weiterleben, in denen sie sich in den vielen Restaurants und Cafés mit dem verköstigen können, was an jenem ominösen Tag um 12.47 Uhr gerade gar wurde, und in denen sie Hotelbetten benutzen, die für sie gar nicht vorgesehen waren.

Suggestive Expertisen über das Phänomen der Zeit

Lehr entwickelt aus dieser Grundkonstellation suggestive literarische Expertisen über das Phänomen der Zeit, über die Unwägbarkeiten der Wahrnehmung, über die Vorläufigkeit dessen, was im allgemeinen Verständnis selbstverständlich anmutet. Er tut dies, ohne jemals esoterisch und irrational zu werden, er bedient keinerlei übersinnliche Bedürfnisse. Die vereinzelten theoretischen Passagen, in denen Quantenphysik und Zeitexperimente eine Rolle spielen, dienen als Beschleuniger der Handlung. Sie wird zum Thriller, mit einer ungewohnten Perspektive diesseits von Zeit und Raum. Zwischen den verbliebenen 70 "chronifizierten" Personen, wie es in der exakten Poesie des Romans genannt wird, entwickelt sich eine unvorhersehbare Dynamik; der Ich-Erzähler, ein Journalist, der zufällig auf dem Cern-Gelände dabei war, und seine näheren Bezugspersonen Boris und Anna geraten mit den anderen Betroffenen in ein Geflecht aus gegenseitigen Verdächtigungen, feindlichen Gruppierungen und neuen Lebensentwürfen, das die alte Welt in der neuen kongenial abzubilden scheint. Wissenschaftliche Gefechte über die Ursache des Sekundenstillstands – "Dornröschentheorie" versus "Mufo"-Theorie, in der eine überlegene außerirdische Intelligenz vermutet wird – stehen neben verblüffenden Erfahrungen mit Kommunikation oder Sexualität.

Der neue Weltzustand lässt es zu, dass der Ich-Erzähler entdeckt, wie seine Frau ihn gerade betrügt: Er glaubt sie mit einer Freundin an der Ostsee, während sie sich tatsächlich gerade mit einem Liebhaber in einem Hotelzimmer in Florenz befindet – nach einer langen Wanderung über die Alpen erwischt er sie in flagranti.

Und auch in weiteren Handlungssträngen bezieht der Roman seine Spannung durchaus aus altbewährten Mustern: Gegen Ende hin tut sich vielleicht eine Möglichkeit auf, aus der Zeitlücke wieder herauszukommen; das Zeitmischpult gerät in Bewegung, kleine Erkenntnisschritte summieren sich zu einer unbändigen Hoffnung – der Schluss ist dann so, dass man ihn wie bei einem Krimi nicht verraten darf. Aber er hat vor allem etwas mit Literatur zu tun.

Alle Gewissheiten verschwinden, und alles ist nachvollziehbar

42, das ist die direkte Übersetzung der Einsteinschen Relativitätstheorie in Literatur. Alle Gewissheiten schwinden. Aber alles ist auf eine merkwürdige Weise nachvollziehbar. 42, diese Zahl kann je nach Aussprache im Japanischen auch "Tod" bedeuten. Immer wieder erinnern die abenteuerlichen Szenen dieses Romans an die verborgenen Welten von Sprache und Literatur. Eine aberwitzige Erkenntnis in einem Schloss bei Montreux, die zum außerordentlichen Finale führt, geschieht im Geiste Vladimir Nabokovs, der die letzten Jahre seines Lebens in dieser beflügelnden Region verbrachte. "Zeitschmetterlinge" nennt der Ich-Erzähler einmal sich und seine Schicksalsgefährten, und Nabokov als Schmetterlingssammler lächelt augenzwinkernd dazu: Wie so viele Figuren in den Romanen des großen Russen gelangt auch die Hauptperson bei Lehr am Schluss zu der Erkenntnis, eine literarische Figur zu sein. Und bekommt langsam eine Ahnung davon, was das bedeutet. Der Leser wird nach anfänglichen Irritationen durch den Roman 42 ähnlich reagieren und auf merkwürdige Weise ins Rotieren geraten.