Thriller Amerikanisch wie Novalis

Günter Ohnemus und sein neuester literarischer Thriller: Rasant und romantisch

Günter Ohnemus ist wahrscheinlich der coolste Romantiker der deutschsprachigen Literatur. Seine Bücher sollten als Ausgabe für die Sakko-Innentasche herauskommen, zu tragen über dem Herzen. Damit dort Sätze stehen wie: »Dein Vater war der einzige Mensch auf der Welt, bei dem ich mich immer gefreut habe, wenn ich ihm zufällig mal auf der Straße begegnet bin.« Oder für den Fall, dass einen nachts ein russischer Mafioso erstechen will.

Der Mann, der die Frauen liebte, heldenhaft und opferbereit

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Robert Schirmer jedenfalls macht das so, wenn er sich opferbereit für den aussichtslosen Showdown mit dem organisierten Verbrechen wappnet. Der Held des neuesten Werks von Ohnemus trägt Italo Svevos Die Kunst, sich das Rauchen nicht abzugewöhnen herznah bei sich, was nebenbei ein schöner Witz ist über Schirmers Psychopathologie. Liebe kann tödlich sein, der Hang des sentimentanfälligen Münchner Großstadt-Cowboys zur Selbstzerstörung fällt als Nebenwirkung seiner Geschichte mit Frauen an, für die der Plot des Romans Als die richtige Zeit verschwand nur den Vorwand abgibt.

Günter Ohnemus, Übersetzer, Autor und Kritiker unter anderem für die ZEIT, ist ein aufregender Literaturshake zwischen Thriller und Éducation sentimentale gelungen. Möglich sogar, dass der virtuos leicht erzählte Literaturkrimi die Selbstverpflichtung auf die neue Kategorie der Lesbarkeit für »Fabrikmädchen« einlöst.

Pathos und Lakonie durchziehen die Geschichte des Münchner Homme à Femmes Robert Schirmer, der im Sommer des Jahres 2001 als gescheiterter Drehbuchautor aus Amerika heimkehrt. Engagiert hat ihn eine alte Freundin, für die er einen von der russischen Mafia verfolgten Geliebten aufspüren soll. Susannah Timmermann heißt die Dame, zu der Robert Schirmer ausnahmsweise rein platonische, aber umso herzlichere Beziehungen pflegt. Susannah Timmermann wie die Frau, der der vorhergehende Roman von Günter Ohnemus, Reise in die Angst, gewidmet ist. Wer diesen gelesen hat, dem wird auch der jetzt von Susannah gesuchte Herzensmann Harry Willemer bekannt vorkommen, denn die Geschichte der Verwicklung des lonesome rider mit der Russen-Mafia wird darin erzählt. Reise in die Angst bildet die epische Voraussetzung für den neuen Roman. In ihm wiederum spielt ein Drehbuch eine Rolle, dass Susannah Robert abgekauft hat, um es vom Markt zu nehmen, weil es die Mafia auf Harrys Fluchtspur bringen könnte. Auch schreibt Schirmer an einer Erzählung, die sich auf Augenhöhe mit sich selbst und dem Geschehen befindet. Zum Schluss bringt sich in diesem Vexierspiel der Protagonist Robert um und gibt vor, Harry zu sein. Fortsetzung folgt? Waghalsig sind die Fiktionen und die Selbstkommentierungen ineinander verschoben. Fast scheint es, als sei das Gefühlsdrama im Outfit der amerikanischen Erzähltradition mit dem Urvertrauen seiner Hauptfigur geschrieben, die behauptet: »Ich habe bisher noch jedes Drehbuch repariert.«

Ohnemus balanciert gerne auch auf den Klippen des Kitsches und der Ironie, und doch stürzt er nicht. »Ich möchte wie ein weiter Mantel sein, der dich umschließt«, heißt so ein Bild, von dem man sich gerne einlullen lässt wie von den Erinnerungen an Roberts erotisch-sentimentales Vorleben, über die man die Thriller-Story fast vergisst.

Eine neue Venus, die den Himmel erröten macht

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    • Quelle (c) DIE ZEIT 13.10.2005 Nr.42
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    • Schlagworte Joschka Fischer | Literatur | USA
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