RomanDie stille Haut

Albert Sanchez Piñol sucht auf einer einsamen Insel nach der Wahrheit von Merten Worthmann

Dem uneingeweihten Leser geht es zunächst wie dem erschrockenen Erzähler: Man glaubt es kaum. Was, um Himmels willen, schiebt sich da plötzlich durch die Katzentür – ein langer glitschiger Arm mit Schwimmhäuten? Was kreischt da vor dem Fenster und springt durchs splitternde Glas? Was rottet sich rund ums Haus zusammen und greift in Rudeln an? Ungeheuer? Furchterregende amphibische Mischwesen, halb Lurch, halb Gazelle, die nachts aus dem Meer steigen? Da müssen irgendjemandes Nerven durchgegangen sein. Bestimmt ist der Erzähler nicht ganz bei Trost. In seiner Fantasie wird er von Monstren verfolgt. Und der Autor stellt sie dem Leser einfach vor Augen, als wären sie echt.

Doch niemand löst das Hirngespinst auf. Der Erzähler wehrt die nächtliche Attacke ab. Er kommt noch einmal davon. Aber nur bis zur nächsten Nacht. Dann kehren die »Froschkerle« zurück – und wieder geht es ums Überleben. Hilfe kann der fassungslose Erzähler nicht erwarten. Er befindet sich, als neuer Wetterbeobachter, auf einer winzigen Insel nahe dem südlichen Polarkreis. Außer ihm lebt nur ein anderer Mensch auf der Insel, Batís Caffó, Herr über den Leuchtturm. Allerdings scheint Caffó selbst schwer angegriffen zu sein, in jeglicher Hinsicht.

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Albert Sanchez Piñols Roman Im Rausch der Stille beginnt als eine Art insulares Kammerspiel, das sich allerdings schon bald in einen Horrorfilm verwandelt. Von da an verläuft der Roman zweigleisig: Die Winkelzüge des Überlebenskampfes münden in überraschende Manöver des Geistes. Dabei kommt es mehrfach zu entscheidenden und interessanten Stellungswechseln. Und weil Sanchez Piñol ein effektiver Erzähler mit einer geschickten Kurventechnik ist, saust der Leser ziemlich atemlos dem Ende entgegen und fühlt sich nach dessen Erreichen gewissermaßen glücklich durchgerüttelt.

Wenn ein Katalane über einen Iren schreibt, wundern sich die Spanier

Im Rausch der Stille entert den deutschsprachigen Markt bereits als Bestseller. In Katalonien, dem Heimatland des Autors, hat sich das Buch seit seinem Erscheinen vor drei Jahren mit erstaunlichen 100000 Stück verkauft. Die katalanischsprachige Literatur, eine Randerscheinung im Vergleich zum immensen spanischsprachigen Raum, hat mit diesem Debüt einen schmissigen Erfolgstitel hervorgebracht, von internationalem Appeal und mit Übersetzungen in knapp dreißig Sprachen. Damit hatte vor Ort kaum jemand gerechnet. Denn die katalanische Literatur gilt, lässt man Niveaufragen mal beiseite, als regionalistisch. Insbesondere Spanier sind der Meinung, dass jemand, der freiwillig im regionalen Idiom schreibt statt im international viel besser verkäuflichen castellano (wie etwa die Katalanen Javier Cercas oder Carlos Ruiz Zafón), dies nur aus einem patriotischem Liebesdienst an der katalanischen Muttererde tun kann. Das ist zwar ein Vorurteil, aber eines, das auch die katalanische Kulturpolitik schürt, indem sie alles Kulturgut am liebsten nach dessen Nutzwert im Kampf um die »nationale« Identität bewertet.

Sanchez Piñol tritt in diesem Wettbewerb nicht an. Sein Roman spielt weder in Katalonien, noch tritt ein Katalane auf. Der namenlose Ich-Erzähler ist ein desillusionierter irischer Freiheitskämpfer, der Anfang der zwanziger Jahre seine Heimat verlässt, um sich für eine Saison auf die entlegene Insel zurückzuziehen. Dass Sanchez Piñol weder dem spanischen Markt nach dem Mund noch dem katalanischen Sentiment nach dem Herzen reden wollte, diese doppelte Merkwürdigkeit seines Buches hat ihm den Durchbruch eindeutig erschwert. Die Kritik besprach es eher nebenbei. So hatte es zunächst nur die Buchhändler und die Mundpropaganda auf seiner Seite – bis sich später die Nachricht über all jene renommierten Verlage verbreitete, die im Ausland angebissen hatten. Trotzdem wurden von der spanischen Übersetzung in zweieinhalb Jahren nur 30000 Exemplare verkauft. Das bestätigt die außerordentliche Reserve der Spanier gegenüber katalanischsprachiger Literatur.

Das Grauen und die Liebe sind nicht ganz von dieser Welt

Der Originaltitel des Buches lautet La pell freda, »Die kalte Haut«. Das ist präziser und klingt nicht so dick aufgetragen wie Im Rausch der Stille. Allerdings: Auch der Roman trägt mitunter dick auf. Sogar gleich im ersten Satz. »Wir ähneln denen, die wir hassen, mehr als wie denken«, heißt es da. Das ist wie ein Schlag ins Wasser. Und es wird nicht die einzige scheppernde Sentenz des Buches bleiben. Doch meist hat man dem Autor schnell vergeben. Nicht nur wegen der Action, die fast jede falsche Tiefgründelei rasch ausbalanciert. Sondern auch, weil Sanchez Piñol seinem Roman so deutlich eine Joseph-Conrad-Lackierung auflegt, dass es schon wieder wie spielerische Absicht wirkt (das klassische Zitat »Das Grauen! Das Grauen!« aus Herz der Finsternis kehrt hier als »Die Liebe, die Liebe« zurück). Außerdem wird der eher zurückgelehnte, conradisierende Grundton regelmäßig von Horrormotiven durchbrochen, die eher der Schreckenswelt von H. P. Lovecraft entlehnt scheinen. Mit dieser Mischung aus Hommage und Pastiche, aus Parabel und Schauerstück gelingt dem Autor ein spannender Spagat.

Am Ende geht es natürlich nicht um den Grusel. Sanchez Piñol ist von Haus aus Anthropologe, Spezialgebiet Afrika (seine Dissertation über die Pygmäen liegt derzeit auf Eis). Im Rausch der Stille beschreibt Feindbilder, beobachtet deren Zerfall und zeigt die menschliche Projektionskraft im Härtetest. Mitunter lugen hinter den Umschwüngen der Geschichte noch die Gedankenspiele des Akademikers hervor, der draußen, Aug in Aug mit dem Fremden, am besten zu begreifen scheint. Der Schriftsteller Sanchez Piñol weiß allerdings auch, dass irgendwo Schluss ist. Sein Ire lernt dazu, wie Joseph Conrads Helden. Doch es nützt ihm wenig. Gegen Ende hält er mit einem Seufzer fest, »dass die Kenntnis der Wahrheit das Leben nicht verändert«.

Im Rausch der StilleRomanRoman; aus dem Katalanischen von Angelika MaassAlbert Sanchez PiñolBelletristikBuchFischer2005Frankfurt a. M.18,90252
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