Roman Die 2-Sterne-Revolution

Ingo Schulzes groß angelegter Briefroman "Neue Leben" ist der beste aller schlechten Romane über die deutsche Wiedervereinigung

Sagen wir es gleich und bringen es hinter uns: Das annähernd achthundert Seiten starke Buch von Ingo Schulze ist der bisher beste Roman über die deutsche Wiedervereinigung. Besser als das an seiner Bescheidwisserei erstickte von Günter Grass. Besser als Thomas Brussigs Wende-Kasperletheater . ist das erste Buch, das dem wichtigsten zeitgeschichtlichen Ereignis unserer Lebenszeit offen in die Augen sieht, ohne in Klamauk, Manierismus oder Meinung Erleichterung zu suchen. Nun können wir anfangen.

Denn irgendetwas stimmt nicht mit diesem besten aller Romane über die deutsche Wiedervereinigung. Merkwürdigerweise liest man das sympathische, reich und gründlich mit naturtrübem Lebenssaft getränkte Buch nicht gerne. Gegen diesen Eindruck kämpft man lange an, man hat ja Zeit genug. Und man traut der sanften Langeweile, die es verbreitet, zunächst nicht. Es ist doch alles wieder da. Alle Ingredienzien, die den Riesenerfolg des Romans Simple Storys ausgemacht haben: das Städtchen Altenburg und sein trauliches Ambiente; das vom Leben geschlagene, aber zutrauliche und auskunftsfreudige Personal – die Weltgeschichte, herunterdividiert ins anschaulich Provinzielle. Ingo Schulze, redet man sich gut zu, ist doch der Autor des kleinen Mannes, der kleinen Frau, der Mann ohne eigene Stimme, der (frei nach Döblin) den »Stoff« selber sprechen lassen will. Einer, der den literarisch inkorrekten Krimskrams, die ästhetisch immer unterschätzten Kuchenrezepte, Pappteller und Currywürste zu Wort kommen ließ und dem diese ganze verplauderte Papptellerwelt, diese Altenburger Protokolle, noch nicht einmal ins Spießige und kempowskihaft Betuliche verrutscht sind. Sondern der auch noch das Wunder vollbrachte, die deutschen Wohnzimmergeräusche in einen coolen Jazz zu verwandeln, der sie anschlussfähig machte an den Weltmarkt.

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Aber es nutzt nichts. Wenn Muttern im rechten Augenblick wieder mal mit der Kuchenspringform vor der Tür steht, der Held seinen Tag in der »Schiedsrichterklause« ausklingen lässt, dem eigenen Stuhlgang und der Nahrungsaufnahme ungebührlich zarte Beachtung schenkt und, ohne mit der Wimper zu zucken, deutsche Sätze formuliert wie »um Aufschluss über das Geschehen zu erhalten, betrat ich den kleinen Küchenverschlag« – dann melden sich Zweifel an der lakonisch zubereiteten Hausmannskost des zweifellos besten Romans zur deutschen Wiedervereinigung.

Dafür kann der Autor nichts. Denn das erzählerische Oberkommando seines autobiografischen Wende-Romans hat er einer literarisch nicht besonders versierten, fade formulierenden, einfallslosen Figur überlassen, die nur übel meinende Kritiker mit Ingo Schulze gleichsetzen könnten. Aber so unhöflich wollen wir nicht sein.

Wie in seinem Erstling 33 Augenblicke des Glücks spielt Schulze in diesem Roman das ein wenig abgenutzte Spiel vom schuldlosen »Herausgeber« und Fußnotenlieferanten. Er sei, schreibt er im Vorwort, auf der Suche nach einem Romanstoff auf einen gewissen Heinrich alias Enrico Türmer aufmerksam geworden, der in Altenburg gleich nach der Wende »gründend auf einer Zeitung ein kleines Imperium geschaffen und eine ganze Region an der Grenze von Thüringen und Sachsen unter seinen Einfluss gebracht hatte«. Dieser Türmer, dessen Geschichte, unnötig zu sagen, abgesehen vom Imperialen bis in Namen und Details mit der seines Autors Schulze zusammenfällt, sei ihm aus seiner Dresdener Schulzeit bekannt gewesen. Der umfangreiche Roman besteht aus einer bloßen Aneinanderreihung von Briefen, die der inzwischen steuerflüchtige Türmer im Jahr 1990 an Schwester und Freunde geschrieben haben soll. Da Türmer und sein Erfinder von Jugend an literarische Ambitionen verfolgten und ein paar Prosa-Etüden über ihre Armeezeit zu Papier gebracht haben, werden im Anhang ein paar dieser offenbar verworfenen Erzählungen dokumentiert. Mit zweifelhaftem Ergebnis.

Einzig die letzte Erzählung erinnert daran, dass Schulze, unseren heimlichen Befürchtungen zum Trotz, offenbar doch schreiben kann. Was treibt ihn aber dann dazu, seine eigene Lebensgeschichte einer Figur in den Mund zu legen, die uns nicht fesselt und auch nicht fesseln soll, die er im entscheidenden Augenblick zuverlässig ironisiert und von der er selber nichts hält? Anders gefragt: Warum verzichtet ein Autor in dem umfangreichsten und historisch gewichtigsten Roman der jüngsten deutschen Gegenwartsliteratur in absichtsvoller Weise auf jede literarisch überzeugende Gestaltung? Wozu die demonstrative, kunstvolle Kunstlosigkeit dieses großen Romans?

Sie ist, anders ist das kaum zu begreifen, der Versuch, den sozialistischen Realismus für die westliche Zeitrechnung weiterzuentwickeln. Die überall im Roman postierten Bitterfelder Wegweiser sprechen jedenfalls die Sprache eines Georg Lukács des 21. Jahrhunderts: »Erfundenes«, behauptet Türmer, interessiere nicht mehr, die »neue Literatur« müsse eine »Literatur der Arbeit sein, des Geschäftemachens, des Geldes«. Wie ernst das auch immer gemeint sein mag: Der vorliegende Roman erfüllt dieses entsagungsvolle Pensum mustergültig. Der Entzauberung der gewendeten Welt antwortet ein entzauberter und materialgläubiger Roman, der genau wie sein Vorbild, die durchkapitalisierte Wirklichkeit, Qualität ironisiert und Quantität fetischisiert.

Leser-Kommentare
  1. Keinerlei Einwände gegen Iris Radisch. Aber doch Zusätze: Bemerkenswert, wie Sch. die Erwartungen des Bildungsbürgertums, somit den eigenen Anspruch, Schreiben wäre Geschäft, bringe Penunse, auf vollkommene Weise erfüllt. Er, der schreibende Geschäftsmann, prostituiert in seinem jüngsten Wälzer den durch den 89er Anschluß irritierten ostdeutschen Zoo vor seiner (west-)deutschen Zielgruppe und bietet den eifrigen Voyeuren die gewünschten Anlässe zum Delektieren; sozusagen Hamburg im 19. Jahrhundert: Ein netter Nachmittagsspaziergang mit Hut, Zylinder, Weib und Kindern durch Hagenbecks Zoo, um doch mal die Nigger und die Rothäute zu bestaunen. Schulze, der Carver ist, diesmal Aphra Behn, ist ein Abkupferer ohnesgleichen. Wenn er wenigsten Samuel Richardson nachäffen, auf eine Reform der Moral drängen, wenn er eine eigene Form suchen würde, dann wäre er für die Ossis,von denen jeder seine eigene simple oder kompliziertere Story hinter sich hat oder noch mittendrin ist, erträglicher. Gehe der Herr nach Aden, ruhe er sich diesmal 14 Jahre aus -das Goethe-Institut wird es richten - und lasse er uns Altenburger mit seinem Marketing endlich in Frieden.

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