Roman Die 2-Sterne-RevolutionSeite 3/3
Und wo auf Erden nirgends mehr ein Halt ist, kommt auch der Roman ins Schwimmen. Der Briefroman, ein altes romantisches Erbe, dazu erfunden, den Roman durch schillernde Perspektivität, intime Bekenntnisse und vielfältige Reflexionen zu bereichern, wirkt hier nur wie ein Vorwand, vorläufig und in Rohfassung Zeugnis davon zu geben, wie die Marktwirtschaft Besitz von der ostdeutschen Seele nahm. Die Literatur, das Theater – Türmer und Schulze bekleideten den Posten des Dramaturgen am Altenburger Theater –, selbst die Freundin lässt der Erzähler nach der Wende fahren und ergibt sich wie Rimbaud in Aden den Geschäften: Türmer und Schulze gründeten in Altenburg eine Wochenzeitung, die unter kundiger Westberatung (der Westler trat in Altenburg offenbar nur in Gestalt von Erbprinzen und Baronen in äußerst windige Erscheinung) bald zum profitablen Anzeigenblatt mutierte. Das Zeug zum Geschäftsmann holt Türmer sich frei nach Onkel Dagobert in Monte Carlo in der Spielbank. Danach rollt die Kugel wie von selbst.
Kleinteilige, nur notdürftig als Brief getarnte Erzählpassagen rapportieren deutsch-demokratische Schul- und Militärzeit (die NVA entpuppt sich hier nicht wie bei Leander Haußmann als Gurkentruppe, sondern als wahres Johannes-R.-Becher-Institut), erzählen von religiösen und analen Pubertäts-Epiphanien in der brandenburgischen Waldeinsamkeit (»mit dem nackten Hintern überm Waldboden in der ersten Morgendämmerung war ich der glücklichste und freieste Mensch, den Sie sich vorstellen können«), von Reisen und dem ungläubigen Herumblättern im unbekannten Wörterbuch des Westmenschen, von erlittenen Erniedrigungen und staatsbürgerlichen Ohnmachten (die frühe Wendezeit erlebt Türmer im Wesentlichen unter der Bettdecke).
Ein nicht abreißendes Gewusel aus Beichte, Selbstporträt, Selbstdenunziation und Zeitgeschichte: Der »überflüssige Mensch«, Grundausstattung jedes russischen Romans, der etwas auf sich hält, wird darin zum überforderten Alleinherrscher über einen bedeutenden zeitgeschichtlichen Stoff, zum einzigen Sprachrohr eines gewaltigen historischen Umbruchs. Eine Bürde, unter der er verständlicherweise zusammenbricht.
Ursprünglich, hat Schulze einmal gesagt, habe er nach der Wende gedacht, »jetzt machen wir ’ne dolle DDR«. Schade, dass das nicht geklappt hat. Es hätte uns bestimmt einen dollen Roman beschert. Jetzt sitzen wir da mit den Scherben eines Scheiterns. Und einem denkwürdigen Roman, der uns dieses Scheitern grußlos vor die Füße kippt.
Neue LebenRomanDie Jugend des Enrico Türmer in Briefen und Prosa; herausgegeben und mit einem Vorwort versehen von Ingo SchulzeIngo SchulzeBelletristikBuchBerlin Verlag2005Berlin22790- Datum 13.10.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 13.10.2005 Nr.42
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Keinerlei Einwände gegen Iris Radisch. Aber doch Zusätze: Bemerkenswert, wie Sch. die Erwartungen des Bildungsbürgertums, somit den eigenen Anspruch, Schreiben wäre Geschäft, bringe Penunse, auf vollkommene Weise erfüllt. Er, der schreibende Geschäftsmann, prostituiert in seinem jüngsten Wälzer den durch den 89er Anschluß irritierten ostdeutschen Zoo vor seiner (west-)deutschen Zielgruppe und bietet den eifrigen Voyeuren die gewünschten Anlässe zum Delektieren; sozusagen Hamburg im 19. Jahrhundert: Ein netter Nachmittagsspaziergang mit Hut, Zylinder, Weib und Kindern durch Hagenbecks Zoo, um doch mal die Nigger und die Rothäute zu bestaunen. Schulze, der Carver ist, diesmal Aphra Behn, ist ein Abkupferer ohnesgleichen. Wenn er wenigsten Samuel Richardson nachäffen, auf eine Reform der Moral drängen, wenn er eine eigene Form suchen würde, dann wäre er für die Ossis,von denen jeder seine eigene simple oder kompliziertere Story hinter sich hat oder noch mittendrin ist, erträglicher. Gehe der Herr nach Aden, ruhe er sich diesmal 14 Jahre aus -das Goethe-Institut wird es richten - und lasse er uns Altenburger mit seinem Marketing endlich in Frieden.
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