Natürlich wird dieses Buch ein Bestseller. Es ist ein Abschiedsbrief, es ist die Ankündigung eines Selbstmordes, es erzählt von einer fatalen Liebe, von Sex, von Pornografie gar, die Erzählerin im Buch nennt sich genauso wie die Autorin, Nelly Arcan, und, wie die ganze Welt seit wenigen Jahren weiß, Nelly Arcan war einst eine Hure. Behauptet sie jedenfalls. Und die Exhure ist das Verkaufsargument Nummer eins.

Die Exhure, die schreiben kann, als wäre sie eine Tochter von Marguerite Duras und eine etwas poetischere Schwester all jener Französinnen, die in den letzten Jahren auf dem Papier ihr Fleisch zu Markte getragen haben, Christine Angot, Catherine Millet, Virginie Despentes und wie die weiblichen Houllebecqs alle heißen. Die "mit dem Körper geschrieben" haben, wie es all die klassischen französischen Sprachphilosophinnen mit psychoanalytisch-strukturalistischer Sozialisation eingefordert haben, Helène Cixous, Julia Kristeva, Luce Irigaray. Nelly Arcan hat all diese Theorien in ihrem ersten – angeblich autobiografischen, das Verkaufsargument Nummer eins – Roman Hure (Putain, 2001) ganz vorbildlich umgesetzt. Hat in einer Endlosschlaufe der Anklage die Väter überführt und die Mütter. Hat sich selbst der Lust an der Selbstzerstörung bezichtigt und der Unlust an der Lust.

Hure soll einst als Tagebuch an ihren Psychoanalytiker begonnen haben, erzählt Arcan in Interviews, und auch ihr neuer Roman Hörig hat einen klaren Adressaten: den Ex-Lover. Der Psychoanalytikerin in Hure blieb damals ein unerreichtes Objekt endlosen Begehrens, die Struktur der Erzählung glich einem Strudel ohne Ausweg, es gab weder Anfang noch Ende, nur ein jähes Lamento. Der Brief an den Ex-Lover in Hörig ist das – angeblich rein literarische – Manifest einer abgeschlossenen Liebe und eines abgeschlossenen Lebens, am Ende dämmert der dreißigste Geburtstag der Erzählerin herauf, und an diesem will sie sich umbringen, das hat sie schon seit ihrer Pubertät so geplant.

Der Psychoanalytiker von damals war ein körper- und stimmloser, aber tröstlicher Mann, von dem nur die hässlichen gelben Zehennägel in den Gesichtskreis seiner Analysandin ragten. Der Ex-Lover ist dagegen ein sonderbares Ekel, ein schöner Franzose, der die Frankokanadierin Arcan immer wieder in kulturelle Minderwertigkeitskomplexe stürzt, ein Narziss, der am liebsten seinen eigenen Penis fotografiert, ein Pornokonsument, der seine Tage, unter dem Vorwand des investigativen Journalismus, wichsend vor dem Computer verbringt. Er hat Nellys Buch nicht gelesen, aber alles über ihre entäußerte Person, wahrscheinlich auch in Modezeitschriften, die immer wieder den Schönheits- oder Geschlechterdiskurs diktieren – "Das steht in jeder Modezeitschrift", heißt es immer wieder. "Du warst zufrieden, du hattest Nelly Arcan", fasst sie seine Eroberung des begehrten Accessoires zusammen.

Wie genau mit diesem Mann die absolute Hörigkeit zustande kommen kann, bleibt unklar. Es ist jetzt einfach Liebe – und fertig. Kokain und Techno erledigen den Rest. Der Mann als Zusatzmotivator für den Selbstmord. Ein Todesengel. Schließlich brauchte schon Lulu nach vulgärgermanistischer Auffassung ihren Lustmörder.

Auch sonst lauert an jeder Ecke symbolisch die Endzeit. Nellys Tante legt Tarotkarten, die beharrlich jede Art von Zukunft für Nelly negieren. Der Film The Man Who Wasn’t There wird erwähnt, Nelly selbst ist die Frau, die noch nie da war. Der Vater des Franzosen ist ein Sterngucker, er sucht "im Himmel nach explodierenden Sternen", ist "fasziniert von den aufgeplatzten Kadavern im Weltraum, von der degenerierten Materie, den Gasauswürfen, farbigen Fransen wie Fleisch und Blut". Nelly selbst bringt einen kleinen Stern zum Explodieren, sie treibt ab, es ist schon nach dem Ende der Liaison, sie sammelt die "Reste", eine Art Nachgeburt, blutige Brocken, gebiert sie in einen Glastopf und sucht darin nach Spuren von ihrem Kind, das auch nie ganz da war. "Auf den ersten Blick erinnerte es an Johannisbeer- oder Kirschmarmelade, aber wenn man näher hinsah, glich es nichts Bekanntem." Entäußerung, Entfremdung, Tod allüberall. Das Innerste nach außen gestülpt, in eine Welt, in der es "keine Seele gibt". Nelly schaut im Trennungsschmerz tagelang Akte X, wo Außerirdische obduziert, und Six Feet Under, wo Menschen einbalsamiert werden, aber auch in den ausgeweideten Körpern findet sich nichts und erst recht nicht im Pornokino Cinéma L’Amour, wo sie die Augen schließt und sich von fremden Männern Sperma ins Gesicht spritzen lässt.

Natürlich sind dies drastische Bilder und entsetzliche Freizeitbeschäftigungen einer verlorenen Seele, aber sie rufen keinen Funken von Mitgefühl hervor. Arcans endlos ausgekotzte Ekel-Ketten haben die kühle Beiläufigkeit von Geschlechtsteilen bei einem Pornodreh, und so bleibt es eine selten unlustige Beschäftigung, dieses Buch zu lesen. Und es wird trotzdem ein Bestseller. Weil die Figur der Autorin so schön schillert, weil sie sich nicht schämt, jeden möglichen Kurzschluss von ihrer Literatur auf ihr Leben zuzulassen. Willkommen im ultimativen Voyeurismus. Vor allem aber, weil sich in der Literatur gerade nichts so gut verkauft wie das Schweigen der Gefühle und Sexualität als Fetisch. Im Fernsehen regieren derweil die puritanischen Puppen aus den Telenovelas. Kräftig nivelliert wird an beiden Orten. Die Kulturindustrie gebiert auf allen Seiten ausgehöhlte Klone. Und das ist eigentlich unglaublich.