pop Mikrogospel

Zwei wundersame Singschwestern, die sich als Band Coco Rosie nennen

Als dermaleinst der große Regen kam, der alles davonschwemmen sollte, hatte ein kluger Zimmermann vorgebaut und stellte sein Schiff bereit zur Lebensrettung im Groben: von jeder Art ein Paar an Bord und dann die Sintflut. Nachdem das Wasser nun schon einige Zeit abgelaufen ist, taucht jetzt wieder auf und macht am Plattenschrank fest: als neues, archaisches Album der amerikanischen Singschwestern Coco Rosie. Sierra und Bianca Casady, 25 und 22 Jahre alt, betraten die Bühne vor einem Jahr und eroberten Kritik und Publikum im Nu.

La Maison De Mon Rêve nannten sie ihr Debüt, von dem sie behaupteten, es mit einem Vierspurtonbandgerät in der Badewanne einer Pariser Wohnung aufgenommen zu haben. Angeblich taten sie dies nur zur Feier ihrer Wiederbegegnung, sie hätten einander, durch familiäre Wirren getrennt, zehn Jahre lang nicht gesehen. Nur ein paar Freunde sollten das Band hören, bald aber tourten sie durch Europa und kamen auch ins Knust nach Hamburg, wo der Reporter ungläubig in sein Konzerttagebuch notierte: »Zwei Schwestern, die eine eine Bewegschwester, die nach jedem Lied ihre Gitarre niederlegt, vom Stuhl aufsteht, auf der Bühne herumgeht, irgendwas holt und sich dann wieder hinsetzt, um aufs Neue Gitarre zu spielen. Sie ist von vollendeter klassischer Schönheit, trägt eine Wucht langen, glückschwarzen Haares um ihren antiken Kopf herum und lässt den kaum zu bändigenden Überschuss als unendlichen Zopf an sich herunterfallen. Manchmal singt sie nicht kehlig-krächzend oder aus Backentaschen, sondern hebt aus der Tiefe des Leibes zu Arien an, Oper ist nicht fern.

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Die andere Schwester, noch jünger, etwas minder hübsch, ist eine Sitzschwester. Sie bewegt sich kaum vom Fleck, geht nur einmal umständlich zum Klavier, von dem sie sagt, dass sie es nicht spielen könne, ansonsten greift sie nach jedem Lied zu einem anderen Kinderspielzeug, meist kleine Quäk- oder Piepsynthesizer, primärelektronische Ratschen und Beatboxen oder Basalsampler, und hält die unter ein Mikrofon, das die herauspluckernden Töne geradezu mikroskopiert.

Beide Schwestern sind unglaublich schlecht angezogen. Die Bewegschwester in einer Art Lamaponcho. Die Sitzschwester trägt eine lilafarbene Stoffsporthose, die sicher sehr bequem ist. Aber Anmut Is The New Outfit, und insofern macht das nichts. Die Stimmen der beiden, einander sehr ähnlich, zu liebevollen, boshaften, feministischen Gesängen sich verschränkend und verschraubend, dazu das improvisierte Geklöter, im Bühnenhintergrund die strahlende Projektion gezeichneter Erotika, Oralgenitales mit grobem Strich. Über allem eine warme Stimmung, Rührung, Weihe. Manch ein junger Mann hält seine Freundin fest vorm Bauch, sie die Augen geschlossen. Es fallen klimpernd Flaschen um, Toilettentüren schlagen.«

Ähnlich ist die Stimmung auf Noah’s Ark, es erklingt eine dem Folk abgerungene Musik, ein urbaner Gospel, dem Glauben möglicherweise entsprungen, nun auch im Kampf mit ihm. Das Cover zeigt drei Einhörner beim Gruppensex auf grünem Grund, im Hintergrund beginnt’s zu regnen. Galt das Einhorn im Mittelalter nicht als Zeichen der Jungfrau Maria? Nicht leicht zu verstehen, das alles, aber man muss es vielleicht ja auch gar nicht verstehen, sondern lässt sich einfach davontragen auf schlammig-gurgelnden Wogen.

Hören und sehen Sie hier zwei Songs von Coco Rosie:
AudioBear Hides and Buffalo
VideoNoahs Ark

Noah’s Ark(touch and go tg281cd/Soulfood)Coco RosieBuch
 
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    • Quelle (c) DIE ZEIT 13.10.2005 Nr.42
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    • Schlagworte Pop | Buffalo | Musik | Gitarre | Folk | Europa | Hamburg
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