klassikAus heiterem Himmel

Aufmarsch der Hoffnungsträger und Wichtigtuer – neue Mozart-Aufnahmen der Generation unter 50 von W. Goertz

KlavierMozartKlassikCamerata SalzburgKnauer Sebastian

Der dreijährige Mozart am Klavier seines Vaters, Holzstich, um 1878, nach einer Zeichnung von Karl Offterdinger Foto: © AKG-Images

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Unter ihm haben wir gelitten, an ihm haben wir uns müde geübt, er lag so blank und geputzt da, so grausam licht in seiner rätselhaften Schönheit, wir waren einfach zu jung für ihn. Als wir zu unserer Erleichterung Beethovens heroisches Grollen vorgesetzt bekamen, war Mozart, der apollinische Fremdling, erst einmal erledigt. Mozart hat ganze jugendliche Klavierbevölkerungen tatsächlich verschreckt, die mit seiner quecksilbrigen Leichtigkeit, seinem versonnenen Andante-Zauber, seinen namenlosen Adagio-Versenkungen, seinen klirrenden PrestoSchüben nichts anfangen konnten. War er nicht Rokoko, trug er nicht Zopf, war seine Musik nicht aus Porzellan? Hatte diese Musik überhaupt eine Botschaft? Beethoven dagegen hatte Leidenschaften. Für Mozart konnte man nicht alt genug sein, doch wer alt war, fand nur schwer zu ihm zurück. Pianisten spielen lieber Chopin und Liszt, Schumann und Debussy, Beethoven und Ravel. Da kracht der Saal. Bei Mozart hüstelt er.

Nun aber naht das Mozart-Jahr, und auf einmal scheint alles anders, sogar die jungen Hoffnungsträger lassen sich auf Mozart verhaften. An Mozart kommt keiner vorbei. Wie viel ist da Pflicht, wie viel Hingabe? Bei dem Pianisten Martin Stadtfeld kann man das nicht wissen, der muss die ganze Reklame, die um sein Ausnahmetalent gemacht wird, mit dem Lastenaufzug aus seinem Leben befördern, sonst müllt sie ihn zu und lastet wie ein Albdruck auf ihm: Stadtfeld, der berufene Bachinterpret. Da könnte Mozart als Ausweg hilfreich sein. Zuflucht hat Stadtfeld bei den Moll-Konzerten genommen, von denen Mozart nur zwei geschrieben hat. Das d-moll-Konzert KV 466 spielt er, als müsse erst der Zopf herunter und dann das Gewitterklima des Don Giovanni hinein. Stadtfeld musiziert souverän, das NDR-Sinfonieorchester unter Bruno Weil begleitet mit großsinfonischer Erhabenheit, trotzdem eilt Stadtfeld durch das Stück, als nötige es ihn. Die Romance kann ihm nicht beiläufig genug sein, man darf gar nicht an Clara Haskil, Friedrich Gulda oder Edwin Fischer denken, die diesen langsamen Satz befragten wie ein süßes Orakel. Stadtfeld will sich dieser Süße entledigen, sie ist ihm verdächtig, jede Bewegung ist ihm willkommen, sofern sie von dieser heiligen Lyrik wegführt. Diese Bewegung trägt ihn in die Belanglosigkeit.

Im Kopfsatz des d-moll-Konzerts kommt Stadtfeld einmal dermaßen vom Weg ab, dass man ihn gleich zu Bach zurückschicken möchte, bevor weiteres Unheil passiert. Er hat eine eigene Kadenz komponiert, die mit ihrem Akkordgepolter und ihren billigen Sequenzen wie früher Beethoven klingt, der soeben durchs Tonsatzexamen fällt. Und im Kopfsatz des c-moll-Konzerts KV 491 streut Stadtfeld bereits ins Orchestervorspiel eine läppische Prise Klavier, hingewischte gebrochene Dreiklänge, in der Hoffnung, alle Welt rufe entzückt: Dieser Stadtfeld, dieser Perücken-Entstauber, einfach genial! Es ist bloß Wichtigtuerei.

Wo eine die Herrin ist und die andere die Magd

Scheint es da nicht klüger, ein Interpret tastet den Firnis ab, den die Interpretationsgeschichte dieser Musik über Jahrzehnte aufgepinselt hat? Hilary Hahn, ein weiteres Höchstbegabtenwesen, fährt mit dieser Methode gut. Ihr Mozart ist frisch, lebensecht, unverfälscht. Sie spielt ein Quartett von Violinsonaten, die in Wirklichkeit Klavierviolinsonaten sind, denn das Klavier ist mindestens gleichberechtigt. Das weiß Hilary Hahn selbstverständlich, trotzdem ist sie eine typische Geigensolistin, die ungern nachgibt. Etwa im Kopfsatz der F-Dur-Sonate KV 376: Da zeigt sie in fast jedem Takt, dass ihre Saiten aus Stahl sind und sich mit kleinem, schnellem Vibrato dauerhaft und unangenehm unter Strom setzen lassen. Sie mag eine arglose Nebenstimme noch so leise spielen, ihre Geige schreit: Hört ihr mich, ich bin nicht verschwunden! Die Aufnahmetechnik erledigt den Rest und regelt die ausgezeichnete Pianistin Natalie Zhu um jenes Jota an der dynamischen Skala herunter, dass aus vier schönen Sonaten für Klavier und Violine (so heißen sie im Original) wieder typische Violinsonaten werden, wo eine die Herrin ist und die andere die Magd.

Ein ganz anderes Naturell tritt uns in der jungen Münchner Geigerin Julia Fischer entgegen. Sie ist noch nicht so berühmt wie Hilary Hahn, sie muss sich den Imagebonus erst noch erarbeiten. Aber sie spielt das G-Dur-Konzert KV 216 und das D-Dur-Konzert KV 218 nicht so, als ob sie arbeitet, sie riskiert Hingabe, hält die Dynamik wunderbar variabel, ihre Lerchengeige bleibt nicht an elektrischen Zäunen hängen, und ihre eigenen Kadenzen in beiden Konzerten sind keineswegs frivol, sondern stilistisch auf Augenhöhe. Das Netherlands Chamber Orchestra unter Yakov Kreizberg sitzt leider in einem Bad aus Hall und spielt auch nur zu 95 Prozent präzise.

Das Kreuz bei Hahn und Stadtfeld ist vielleicht, dass sie keine Lehrer mehr haben – oder solche, die fürs ganze Repertoire, von Bach bis Prokofieff, kompetent sein müssen. Für Mozart taugt die Allgemeinmedizin wenig, da ist eine zeitintensivere Art von Heilkunde gefragt. Jene beiden Großtalente möchte man gern dem Dirigenten Roger Norrington zuführen, der seit längerem seine Musiker anhält, auf modernen Instrumenten "historisch informiert" zu spielen, wie er sagt. Das bedeutet zugleich: über jede Phrase nachdenken. Nichts der Tradition überlassen. Die Rituale über das angeblich Wichtige und Unwichtige prüfen. Das Klavierkonzert D-Dur KV 451 ist ein schönes Beispiel dafür, dass solistische Freiheit und solistische Demut in Balance zu bringen sind. Das Klavier ist hier beinahe ein Orchesterinstrument, dem flinke Flötenläufe und zartes Harfenrauschen zugewiesen sind. Oft ist nur eine Hand beschäftigt. Wer hier den Helden markiert, hat das Stück nicht kapiert.

Leserkommentare
  1. "Ich liebe Mozart!" Dieser Ausspruch, der auf mich genauso zutrifft, hat der berühmte Pianist Artur Rubinstein in seinen Memoiren geschrieben! Für mich gibt es nur eine Handvoll Pianisten, die Mozart wirklich zum Erlebnis werden lassen. An vorderster Stelle stehen wohl Friedrich Gulda und Alfred Brendel. Bei den wenigen Mozart-Aufnahmen von Artur Rubinstein war ich hin und weg! Wer den 2. Satz des Klavierkonzerts KV 488 so gleichmässig himmlisch schön und zugleich derart ruhig und melancholisch zu spielen vermag, gehört zweifellos zu den grössten Mozart-Interpreten aller Zeiten. Sehr gespannt bin ich auf Mozart-Einspielungen von Krystian Zimerman, den ich als den "primus inter pares" der lebenden Pianisten ansehe! Seine Technik sucht ihresgleichen, seine Interpretation steht stets im Dienst der Musik und des jeweiligen Komponisten. Er versucht zum wahren Kern der Musik vorzudringen.

    Der französische Pianist ist mir völlig unbekannt, weshalb ich hierzu leider nichts beizutragen vermag ...

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  • Schlagworte Wolfgang Amadeus Mozart | Sony | Pianist | Salzburg
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