Geschlechtskrankheiten : Risiko Sex

Die Angst vor HIV schwindet. Kondome kommen aus der Mode. Die Syphilis kehrt zurück

Erreger Treponema pallidum lebt oft unerkannt im Körper

Es fing an mit ein paar Bläschen im Mund. »Ich wusste nicht, was das sein soll, ist aber schnell wieder verschwunden«, erzählt der 70-Jährige. Zwei Wochen später fühlte sich Amigo, wie der Mann mit schwarzer Lederhose und -weste in der Schwulenszene genannt wird, müde und schlapp. »Dabei bin ich bei der letzten Tour der schwulen Wandergruppe im Voralpenland noch allen weggelaufen.« Als Amigo dem Berliner Hautarzt Alex Rothhaar, den er wegen eines anderen Problems aufgesucht hatte, von seiner Abgeschlagenheit erzählte, musste der nicht lange nachdenken. Nach einem Bluttest war die Diagnose klar: Syphilis.

Die fast schon vergessene Französische Krankheit kehrt zurück. Allein im Jahr 2003 nahm die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland um 20 Prozent zu, im vergangenen Jahr stieg sie noch einmal um 14 Prozent auf 3350 Fälle. Die absolute Zahl mag harmlos erscheinen, doch der rasante Anstieg ist besorgniserregend – zumal der Erreger oft lange unentdeckt bleibt und seine Verbreitungschancen somit weiter wachsen. »Von kurzfristigen, vorübergehenden Ausbrüchen kann keine Rede mehr sein, ganz offensichtlich ist die Inzidenz dauerhaft erhöht«, sagt Ulrich Marcus, stellvertretender Leiter des Fachgebiets Sexuell übertragbare Infektionen am Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin.

Ein Teil des Anstiegs sei zwar auf das 2001 geänderte Meldeverfahren zurückzuführen, doch darüber hinaus gebe es eine tatsächliche Zunahme der Infektionen. Die meisten Syphilis-Fälle werden den Gesundheitswächtern aus Großstädten gemeldet; am häufigsten betroffen sind Männer, die Sex mit Männern hatten. Doch offenbar stecken sich auch heterosexuelle Männer und Frauen an, und die Zahl der Neuerkrankungen steigt mittlerweile auf dem Land stärker als in den Städten.

Wie kann sich eine Krankheit so ausbreiten, die im Penicillin-Zeitalter längst als erledigt galt? Drei Faktoren spielen zusammen: Erstens spiegelt die wechselhafte Infektionslage den vorherrschenden Umgang mit Sex wider. Nach dem Aids-Schock der achtziger Jahre sind viele offenbar wieder risikobereiter geworden; auch die HIV-Neuinfektionen haben im ersten Halbjahr 2005 drastisch zugenommen – um 20 Prozent, wie das RKI in der vergangenen Woche meldete. Zweitens könnten auch die Eigenarten des Infektionsverlaufs im Körper das Auf und Ab der Syphilis erklären. Und drittens hat der Erreger, das Bakterium Treponema pallidum, im Lauf der Jahrhunderte seine eigenen Überlebensstrategien entwickelt. Zurzeit hat der spiralige Keim Oberwasser.

In Rothhaars Hautarztpraxis in Berlin-Schöneberg dudelt klassische Musik, das Licht ist gedämpft. Im pinkfarben gestrichenen Behandlungsraum schwebt eine Engelsfigur mit goldener Trompete von der Decke. »Das ist unglaublich. Vor zehn Jahren hatte ich höchstens einen Syphilis-Patienten im Quartal, heute ist es einer die Woche«, sagt der Mediziner. In den ersten drei Monaten 2004 behandelte er gar 54 Infizierte. Mittlerweile werde in Berlin jeder Patient mit einer nicht eindeutig zuzuordnenden Hautkrankheit auf Syphilis getestet.

In den meisten anderen Stadtteilen sei die Zahl der Fälle allerdings wesentlich geringer. »Das hängt schon mit der Schwulenszene zusammen. Hier in Schöneberg, in Prenzlauer Berg und in Mitte sind die Brennpunkte«, berichtet Rothhaar. Etwa 80 Prozent seiner Syphilis-Patienten seien homosexuell. »Die Leute sind in den letzten Jahren wieder viel freizügiger geworden«, hat der Arzt beobachtet. »Manche sind regelrecht HIV-müde, denen ist das ziemlich egal.« Barebacking-Partys, auf denen die Gäste Sex ohne Kondom haben, seien an der Tagesordnung: »Da sind heute abend sicher zwei in Berlin, am Wochenende vier.«

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