Auch Marcus vom RKI sieht hier den Hauptgrund für den Anstieg der Syphilis-Infektionen. Das zunehmende Risikoverhalten nach Abflauen der Aids-Angst sei eine ganz natürliche Entwicklung: »Das ist ein bisschen wie bei BSE. Alle sind erst mal geschockt und essen kein Rindfleisch mehr. Nach einiger Zeit flacht die Angst ab.« Dass eine HIV-Infektion heute besser behandelt werden kann, habe den Trend beschleunigt. »HIV bedeutet nicht mehr, dass man bald stirbt. Und zum verlängerten Leben gehören natürlich auch die sexuellen Bedürfnisse«, sagt Marcus.

Vor allem in den Großstädten hat sich eine Szene HIV-positiver Männer entwickelt, die Sex nur mit ebenfalls Infizierten und ohne Kondom haben. »In einem solchen Umfeld können sich andere Geschlechtskrankheiten leicht ausbreiten.« Ungeschützter Geschlechtsverkehr mit einem infizierten Partner führt in etwa 30 Prozent der Fälle zu einer Übertragung von Treponema pallidum.

Auch wer sich an die auf HIV zielenden Safer-Sex-Regeln hält, kann sich eine Syphilis einfangen: Das Bakterium wird auch bei ungeschütztem Oralverkehr weitergegeben, selbst wenn es nicht zur Ejakulation kommt. Nach einer Erhebung des RKI stecken sich zwei Drittel der Betroffenen auf genital-oralem und anal-oralem Weg an. Sogar ein Zungenkuss kann ausreichen. Und das Risiko, sich trotz Kondom zu infizieren, steige, sagt Marcus. »Seit Mitte der neunziger Jahre haben Homosexuelle wieder mehr Sexpartner, das erhöht natürlich die Chancen für das Bakterium.«

Warum auch bei Heterosexuellen neuerdings mehr Syphilis-Fälle registriert werden, kann der Infektionsexperte jedoch nicht so genau sagen. Er ist noch nicht einmal sicher, ob es tatsächlich eine Zunahme gibt. »Es kann sich auch um Überschwappeffekte aus dem homo- und bisexuellen Milieu handeln«, meint Marcus. Möglicherweise seien bei bisexuellen oder nicht offen homosexuell lebenden Männern einige Fälle fälschlicherweise einer heterosexuellen Infektionsquelle zugeordnet worden. Tatsächlich sind häufig schwule Männer betroffen, die nur zum Schein in einer Ehe leben, hat der Hautarzt Rothhaar beobachtet. »Die stecken dann ihre Frauen an, die sich das gar nicht erklären können.« Er behandele aber auch Ehemänner, die sich die Syphilis bei einer Prostituierten geholt hätten.

Prostituierte in Osteuropa, wo es in den neunziger Jahren eine regelrechte Syphilis-Epidemie gab, vermutet auch Marcus als möglichen Übertragungsweg. Nach den neuesten Statistiken jedoch spielen importierte Infektionen eine immer geringere Rolle.