Geschlechtskrankheiten : Risiko Sex

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Schon vor Jahrhunderten kursierten stets verschiedenste Gerüchte, woher die Syphilis kommen könnte. Auf jeden Fall sind immer die anderen für die Seuche verantwortlich. Französische Krankheit hieß sie in Italien, Italienische Krankheit in Frankreich. Heute richtet sich der Verdacht oft gen Osten. Dabei gibt es mittlerweile allen Grund, die Syphilis Deutsche Krankheit zu nennen. In 91 Prozent der Fälle, die dem RKI 2004 mit Informationen zum Infektionsland gemeldet wurden, gaben die Patienten Deutschland als Ansteckungsort an.

Auch unter Heterosexuellen hat das Bakterium gute Chancen, sich auszubreiten: Schutz beim Sex scheint out zu sein, das zeigt die Zunahme anderer Geschlechtskrankheiten wie der Chlamydien-Infektionen. Nur 12 Prozent der Männer und 40 Prozent der Frauen, die sich mit den bakterienähnlichen Mikroben angesteckt hatten, benutzen nach einer Erhebung des RKI immer ein Kondom mit fremden Sexpartnern. Bei etwa der Hälfte der Infektionen waren Alkohol oder andere Drogen im Spiel.

»Ein Risikobewusstsein ist kaum noch vorhanden, vor allem bei jungen Leuten nicht. HIV spielt einfach keine Rolle mehr«, sagt Thomas Stavermann, Vorsitzender der Berliner Landesgruppe des Berufsverbands der Deutschen Dermatologen. Seit etwa vier Jahren beobachtet der Hautarzt in seiner Praxis in Neukölln ein verändertes Sexualverhalten bei Jugendlichen: »Das ist mittlerweile extrem polarisiert. Den einen ist Treue unheimlich wichtig, da lehnen einige auch Sex vor der Ehe ab. Die anderen wollen ganz früh ganz viel ausprobieren.« Viele machten ihre ersten sexuellen Erfahrungen bereits mit zwölf, dreizehn Jahren. »Die sind kaum über die Risiken aufgeklärt. Das müsste in der sechsten Klasse anfangen.«

Hat Treponema pallidum ein Opfer gefunden, lebt der Erreger oft lange inkognito. Infektionen werden übersehen, weil Patienten – wie Amigo – und Ärzte die Symptome nicht erkennen. Der Primäraffekt, ein kleines Geschwür an der Eintrittsstelle des Bakteriums, schmerzt meist nicht und verschwindet von selbst. Nur ein Drittel der diagnostizierten Infektionen wird im ersten Stadium bemerkt, zwei Drittel fallen erst im Sekundärstadium auf, wenn Hautausschläge, Haarausfall und Erschöpfung auftreten. Das gibt dem Erreger die Möglichkeit, sich auszubreiten. »Das Hauptproblem ist die fehlerhafte Diagnostik. Die klinischen Kenntnisse sind katastrophal«, kritisiert Gerd Gross, Vorsitzender der Deutschen STD-Gesellschaft (Sexually Transmitted Diseases). Besonders in Gegenden, wo die Syphilis fast verschwunden war, hat das Bakterium gute Chancen, unerkannt zu bleiben. »Auf dem Land haben die meisten Ärzte ihre letzte Syphilis im Studium gesehen«, sagt der Berliner Hautarzt Rothhaar.

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