Als der Bus an der Tankstelle hielt, wusste Kingsley, dass der Moment zur Flucht gekommen war. Er sprang von seinem Sitz auf, drückte die hintere Tür auf und rannte los. So schnell, dass die marokkanischen Polizisten nicht folgen konnten. Zwei Stunden war der Konvoi aus elf Bussen da schon unterwegs gewesen, mit Hunderten Afrikanern, auf dem Weg nach Süden. Auf dem Weg in die Wüste.

Jetzt sitzt Kingsley in Oujda, einer Stadt im Norden Marokkos an der Grenze zu Algerien. Mit ausgetrockneten Lippen und Furcht in den Augen. Was mit den anderen Menschen aus dem Bus geschehen ist, weiß er nicht. Drei Tage lang ist der 25 Jahre alte Nigerianer gelaufen, bis er nach Oujda kam. Die Stadt ist in den vergangenen Tagen zum Fluchtpunkt für illegale Einwanderer aus der Südsahara geworden. Hier in Oujda, 170 Kilometer entfernt von der spanischen Exklave Melilla, ist das Risiko, verhaftet zu werden, geringer. Hier sind sie weit genug entfernt vom Zaun nach Spanien, ihrem eigentlichen Ziel, vor dem sie sich plötzlich fürchten müssen. Zwar ist in den vergangenen zwei Wochen 4000 Afrikanern die Flucht nach Europa gelungen. Doch der Druck auf Marokko ist groß, die Regierung will verhindern, dass noch mehr den Sprung nach Spanien schaffen – und sie tut das mit aller Gewalt.

Auch in Oujda geht die Angst um. Neben Kingsley sitzt Patrick. Er erzählt von einem Freund, von George, den Polizisten vor zwei Tagen verhaftet hätten. George sei in einem Laden gewesen, um Zigaretten zu kaufen – jetzt sitze er in einem Bus, der quer durch Südmarokko fahre, mit unbekanntem Ziel. Patrick holt sein Mobiltelefon aus der Tasche und ruft George an. Er will, dass viele von Georges Schicksal erfahren. Dessen Handy hat Empfang. In seiner Stimme klingt Verzweiflung. "Seit zwei Tagen sind wir unterwegs. Wir haben nichts gegessen und getrunken", ruft er, "wir wissen nicht, wohin sie uns bringen! Im Moment sind wir in Tan Tan." Die Stadt liegt 150 Kilometer nördlich der Grenze zur von Rebellen kontrollierten Westsahara. George sagt, in seinem Konvoi aus acht Bussen mit je 90 Plätzen seien über 40 Menschen gestorben.

"George ist ein beinharter Typ", sagt Patrick, "als er am Telefon weinte, da wusste ich, es steht wirklich schlimm um ihn." Kingsley sitzt stumm neben ihm. Er sorgt sich um seine Schwester Loreth, sie ist vor ein paar Tagen in Tanger verhaftet worden. Die Polizei durchsuchte das Haus, in dem sie mit ihrem Bruder wohnte. Auch damals konnte Kingsley fliehen. Als er am nächsten Tag zur Polizei ging, um nach seiner Schwester zu fragen, wurde er festgenommen und sofort in einen Bus gesetzt.

Seit zwei Tagen hat Kingsley nichts mehr von Loreth gehört. Ihr Mobiltelefon ist ausgeschaltet. Vielleicht ist der Akku leer. Vielleicht ist sie nicht mehr in Marokko. "Vielleicht ist sie tot", sagt Kingsley. Immer wieder zieht er neue Zettel mit Telefonnummern hervor, ruft Bekannte an, die ebenfalls in Bussen quer durchs Land gefahren werden, und fragt, ob jemand Loreth gesehen hat.

Überall in Marokko ist die Nervosität zu spüren, seit bekannt geworden ist, wie die Regierung versucht, der Massenflucht von Afrikanern nach Europa Herr zu werden. Damit die illegalen Einwanderer, die oft seit Jahren in Marokko leben, gar nicht mehr versuchen, die Zäune um die beiden spanischen Exklaven zu erklimmen, werden sie überall im Land zusammengetrieben, in Busse verfrachtet und aus den Augen der Weltöffentlichkeit gefahren – mit unbekanntem Ziel. Die Polizei durchsucht die Wälder vor Melilla und Ceuta und verhaftet Schwarzafrikaner mit roher Gewalt. Nur hat die Regierung nicht damit gerechnet, dass die Flüchtlinge aus Nigeria, Mali, Kamerun und dem Senegal die Welt per Mobiltelefon über ihr Schicksal informieren.

Vielleicht ist es der Regierung aber auch egal. Viele Marokkaner fühlen sich allein gelassen mit dem Problem der Einwanderer – schließlich sind es die Europäer, die diese Menschen fürchten. In Marokko wollen die Menschen aus den Staaten südlich der Sahara ohnehin nicht bleiben. Solange Europa aber nur seine Grenzzäune und den Druck auf Marokko erhöht, wird das Königreich am Mittelmeer das Flüchtlingsproblem auf seine Weise lösen, wird die Jagd auf die Schwarzen weitergehen.