DIE ZEIT: Herr Professor Kohler, wer braucht eigentlich die Akkreditierungsagenturen?

Jürgen Kohler: Früher haben die Wissenschaftsminister Rahmenprüfungsordnungen erlassen, die Inhalt und Ablauf der Studiengänge regelten. Die hatten zwei Nachteile. Erstens waren sie meist schon veraltet, wenn sie in Kraft traten, weil das Entstehungsverfahren zu langwierig war. Zweitens haben sie uniformierend gewirkt und damit Wettbewerb und Profilbildung behindert. Doch genau diesen Wettbewerb mit unterschiedlichen Profilen will man heute erreichen. Hinzu kommt die schiere Masse neuer Studiengänge, vor allem der Master-Programme. Die sind per se hoch differenziert und spezialisiert, da verbieten sich standardisierte Vorgaben von außen. Gleichzeitig sollen die Hochschulen mehr Verantwortung übernehmen. Insofern ist es vernünftig, Akkreditierungsverfahren einzuführen. Doch die Verfahren müssen auch vernünftig durchgeführt werden.

ZEIT: Vernünftig bedeutet?

Kohler: Das bedeutet, dass man die europäischen Bildungsminister beim Wort nimmt. Sie haben erklärt, dass primär die Hochschulen die Definitionshoheit, aber auch die Verantwortung für ihr Studienangebot haben. Die müssen sich also selbst und nachfolgend in der Akkreditierung die Fragen stellen: Haben sie wirklich über alle Studienziele nachgedacht und valide Antworten gegeben? Welche Beschäftigungsfelder soll der Studiengang bedienen? Wie wird die akademische Qualität gesichert? In welcher Form wird die Persönlichkeitsentwicklung der Studenten gefördert? Auf diese Fragen sollten wir uns bei der Akkreditierung im Kern beschränken. Denn es geht vor allem darum, dass die Hochschulen Qualitätsbewusstsein und Instrumente eines umfassenden Qualitätsmanagements entwickeln. Genau das ist übrigens das vordringlichste Ziel echter Prozessakkreditierung, von der jetzt allenthalben die Rede ist: Anstatt uns alle einzelnen Studiengänge von Hochschulen anzuschauen, sollten wir dies nur punktuell tun, aber primär die hochschuleigenen Qualitätssicherungssysteme ganz umfassend anschauen und bewerten.

ZEIT: Im Moment läuft es anders. Studiengänge werden von den Ministerien genehmigt und anschließend akkreditiert. Das sieht nach viel Bürokratie und wenig Transparenz aus.

Kohler: Reden wir mal über Zuständigkeiten und über Verantwortung. Wer gibt eigentlich welche Kriterien für Akkreditierungen vor? Zunächst ist da die Gemeinschaft der Länder, die Kultusministerkonferenz (KMK). Die macht Vorgaben, die im Großen und Ganzen nicht unvernünftig sind - gelegentlich sind sie zu detailliert, etwa wenn sie sogar die Länge von Bachelor-Arbeiten regulieren. Als Nächstes kommt die Länderebene. Einige Länder regulieren die Vorgaben der KMK noch einmal weiter, und da geht manches schief, etwa wenn detailliert Organisationsvorgaben gemacht werden bis hin zum Umfang und Zeitpunkt von Praxisphasen innerhalb von Studiengängen. Das sind Dinge, die die Hochschule, neben dem Akkreditierungsrat und den Akkreditierungsagenturen der fünfte Akteur, ganz allein entscheiden sollte. Aufgabe der Akkreditierungsagentur ist es dann, deren Entscheidung auf Sinnhaftigkeit der Bildungsziele und auf Stimmigkeit des Programms zu überprüfen.

ZEIT: Die Länder regeln also zu viel?