Bei aller Geschwindigkeit, mit der eine medientechnische Neuerung die andere jagt, verändert sich die Welt um uns herum doch eher schleichend. Wie lange schon ist etwa vom interaktiven Fernsehen wie vom interaktiven Kino die Rede? Dafür ist nun als DVD für Mac und PC eines der bislang seltenen überzeugenden Beispiele eines interaktiven Films erschienen. Um genau zu sein, ist es ein interaktiver Heimatfilm. Einer, in dessen dokumentarischen Szenen, Interviews und Erzählungen die Bewohner einer norddeutschen Trabantenstadt von ihrem Leben und ihren Meinungen berichten.

Die Grohner Düne im Norden von Bremen ist eine Hochhaussiedlung der siebziger Jahre wie die Nordweststadt vor Frankfurt a. M. oder wie Gropiusstadt in Berlin. Mit über 500 Wohneinheiten bietet sie rund 1500 Menschen Lebensraum.

Einer der Befragten erzählt, dass er zwar manchmal die Wohnung, aber nie die Grenzen dieser Siedlung verlasse. Ein anderer ging fort und ist nun zu Besuch, um den Ort seiner Kindheit wiederzusehen. Ein Dritter, der vor dreißig Jahren als so genannter Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland kam, betreibt hier inzwischen seinen Kramladen. Eine Vierte schloss sich eines Tages den Zeugen Jehovas an, sorgt im Treppenhaus für Sauberkeit und findet, wie sie sagt, tatsächlich Trost im Wort der Bibel. Andere gestehen kleine Ladendiebstähle, ohne die man nicht überleben könne. Angehörige einer Sinti-Familie wiederum berichten beiläufig, dass Zigeuner das meistgebrauchte Schimpfwort in der Grohner Düne sei.

Wie wohl die meisten solcher Siedlungen geriet auch die Grohner Düne unaufhaltsam in Verruf. Drogen, Kriminalität, Ghettobildung: Hier wohnen nur noch die, die keine Wahl haben. Zuletzt wird immer wieder von Abriss gesprochen. Doch die Düne bleibt. Man versucht zu reparieren, was zu reparieren ist. Die Erfolge der Bausanierung und des social engineering werden durch eine 24-Stunden-Videoüberwachung und einen privaten Wachschutz abgesichert - und nicht zuletzt diese Überwachung ist nun Teil der hier gezeigten Kamera-Realität.

Während der Dreharbeiten haben sich Kolja Mensing und Florian Thalhofer, die beiden Autoren dieses Films, selbst in der Grohner Düne eingemietet, im 13.

Stock, der ihrem Film den Titel gab. Wie weit, fragen sie, kann man heute schon vom 13. Stock aus in die Zukunft sehen? Einer der vielen Tracks, durch die sich der Betrachter mit der Maus hindurchklicken muss, und deren Reihenfolge bei jedem Wiederansehen variiert - einer dieser Tracks also zeigt schlicht die Bilder, die in der Grohner Düne von den Videoüberwachungskameras aufgezeichnet werden. Ein anderer verwendet eine Fernsehreportage, die über das Projekt der beiden Filmemacher berichtete. So werden sie Teil ihrer eigenen Arbeit, die wiederum ein Teil anderer Bildersysteme ist.

Am Samstag, dem 15. Oktober, wird der Film in der Grohner Düne - in besagtem 13. Stock - den beteiligten Bewohnern und anderen interessierten Zuschauern vorgeführt. Über die Abfolge der Tracks wird hübsch demokratisch mit Laserpointern abgestimmt.