In der Tümlauer Bucht hat die Nordsee einen Pottwal ans Ufer gespült. Ökologisch am sinnvollsten wäre es, den Kadaver an Ort und Stelle verrotten zu lassen

Foto: S.E. Arndt/WILDLIFE

Oldshoremore ist eine urwüchsige Fels- und Dünenlandschaft im hohen Norden Schottlands. Die um eine Wegbeschreibung zum Objekt unserer Neugierde befragte Dame im Empfang des Kinlochbervie Hotels sagt: "Folgen Sie dem Gestank, dann können Sie sich nicht verirren!"

Das Ungetüm ist weithin sichtbar. Das Meer hat den Kadaver eines Pottwals an den Strand gespült, eines der größten Säugetiere der Welt. Er sieht aus wie Herman Melvilles endlich zur Strecke gebrachter Moby Dick. Die wulstige Schwarte liegt kraftlos in einem Kiesbett. Der bullige Kopf ist auf die Seite gekippt. Die mächtige, vier Meter breite Schwanzflosse ist zusammengeklappt. 15 Meter misst der Koloss. Er dürfte um die 40 Tonnen wiegen.

193 Wale und Delfine wurden dieses Jahr an Schottlands Küsten tot aufgefunden, über 50 mehr als im gesamten vergangenen Jahr. 2004 waren es in ganz Großbritannien 782 Tiere, vor zehn Jahren waren es gerade einmal halb so viele. Schon schlagen Tierschützer Alarm. Sie machen Umwelteinflüsse für die Zunahme verantwortlich. Als Hauptursache des großen Sterbens vermuten sie Fischernetze, in denen die Tiere sich verheddern und jämmerlich umkommen. Daneben sollen Belastungen durch polychlorierte Biphenyle (PCB) und Dioxine zu Vergiftungen und einer Desorientierung der Tiere führen. Eine dritte Theorie besagt, durch militärische Sonar- und Echolotgeräte verschreckte Wale tauchten zu schnell von ihren Jagdzügen auf und verendeten an der zuvor nur bei Menschen bekannten Taucherkrankheit. Dazu käme durch vermehrten Schiffsverkehr und Öl- und Gasförderung ausgelöster "physischer und psychischer Stress".

Delfinbullen töten Junge der eigenen Art

Aber es gibt noch eine vierte Erklärung. Das Natural History Museum in London verglich über einen Zeitraum von 25 Jahren die Zahl der Wale, die in britischen Gewässern lebend gesichtet wurden, mit der Zahl der gestrandeten Tiere. Grafisch dargestellt, ergaben die Daten eine Gerade, die besagt, dass für etwa 83 gesichtete Tiere ein Tier an Land gespült wird. Die Treffgenauigkeit der Gleichung liegt bei mehr als 95 Prozent. Die logische Folge der Wechselbeziehung: Die Zunahme der Strandungen ist schlicht ein Indiz für zunehmende Walbestände.

Tatsächlich sind Walstrandungen nichts Neues. Heute gelten angeschwemmte Tiere als "Entsorgungsproblem". Die Kosten für den Abtransport des 40-Tonners von Oldshoremore wären exorbitant. Darum soll der Wal jetzt an Ort und Stelle verrotten, das sei, erklärt die Lokalverwaltung, die "ökologisch beste Option". In vorgeschichtlichen Zeiten stürzten sich Küstenbewohner auf die vom Meer angeschwemmten Monster, zerlegten sie und plünderten sie bis zum Letzten aus. Sie verarbeiteten Zähne und Knochen zu Werkzeugen, sie aßen das Fleisch, nutzten das Öl für ihre Lampen und die Fette als Salben. Später fertigten die Menschen aus dem kunststoffartigen Fischbein Peitschen, Schnürleiber und Flechtwaren.

1324 verkündete Edward II. ein königliches Verfügungsprivileg für alle "auf die Küste geworfenen" Wale. Seither gelten im Inselreich Cetacea – der lateinische Oberbegriff für Delfine und Wale – von mehr als 7,5 Meter Länge als "königliche Fische". 1913 trat die Krone ihr Recht auf Wale an das Natural History Museum in London ab. Für Schottland wird es von der veterinärwissenschaftlichen Abteilung der staatlichen Landwirtschaftsschule (SAC) in Inverness wahrgenommen. Hier koordiniert ein Mann namens Bob Reid die Walforschung. Er führt über jede Strandung Buch und sammelt an der knapp 10000 Kilometer langen Küste Schottlands Tierkörper ein. Gemeinsam mit einem Kollegen obduziert er jährlich 80 bis 100 Meeressäuger. Die beiden Wissenschaftler haben ein Tiefkühlarchiv angelegt, in dem andere Institute sich für genetische, toxikologische und pathologische Untersuchungen Proben besorgen können.

Reid ist ein Mann leiser Töne und vorsichtiger Aussagen. Die Erforschung der Strandungsursachen, sagt er, sei wissenschaftliches Neuland. Sie begann erst 1992. "Als wir anfingen, hatten wir keine Ahnung, wonach wir Ausschau hielten. Bis jetzt gibt es keine wirklichen Experten auf dem Gebiet, nur Leute mit mehr oder weniger Erfahrung. Die Literatur ist dünn. Manche Studien bauen auf der Untersuchung eines einziges Tieres auf."