Der Nobelpreis hat sich zum globalen Superstar unter den Wissenschaftspreisen entwickelt. Jeden Oktober wiederholt sich das gleiche Ritual: Die Welt schaut nach Stockholm, wo die Nobelpreisträger bekannt gegeben werden. Den Höhepunkt bildet die Preisverleihung am 10. Dezember, dem Todestag Alfred Nobels, durch den schwedischen König.

Auch die berechtigte Freude über den deutschen Physiknobelpreis darf nicht an der Einsicht hindern, dass die selektive Vergabe des Preises viele wissenschaftliche Fächer benachteiligt. Denn Alfred Nobel war Chemiker und verfügte 1896 in seinem Testament, dass aus seinem Vermögen, welches er wesentlich der Erfindung des Dynamits verdankte, denjenigen Preise zukommen sollten, "die im vergangenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen gebracht haben", und zwar außer für Literatur und Frieden für herausragende Leistungen in der Physik, Chemie sowie Physiologie beziehungsweise Medizin. Die Mathematik, die Psychologie, die Philosophie und sämtliche Geistes- und Sozialwissenschaften erschienen Nobel offensichtlich nicht ebenso nützlich. Während der Literaturpreis in den ersten Jahrzehnten auch an Geisteswissenschaftler mit großer Breitenwirkung wie Theodor Mommsen, Rudolf Eucken, Henri Bergson, Bertrand Russell und Jean-Paul Sartre ging, ist seine Verleihung mittlerweile auf Belletristen beschränkt. Der Preis für Wirtschaftswissenschaft stammt nicht von Nobel, sondern wurde 1968 von der schwedischen Nationalbank zu seinem Gedächtnis gestiftet. Er wird seit 1969 verliehen und ist vielleicht eine der effizientesten Investitionen einer Interessenvertretung. Die University of Chicago etwa verdankt ihm vermutlich nennenswerte Mittelzuflüsse. Sie schmückt sich auf ihrer Homepage mit nicht weniger als 23 Preisträgern der Ökonomie, ohne den feinen Unterschied zu den echten Nobelpreisen zu erwähnen.

Der Nobelpreis hinterlässt überall seine Spuren. Betritt man – um ein Beispiel zu nennen – das Museum der Stadt Göttingen, so erfährt man Details über Leben und Werk bedeutender Wissenschaftler, die hier geforscht haben. Für das 20. Jahrhundert werden ausschließlich die örtlichen Nobelpreisträger erwähnt, etwa die Nobelpreisträger für Physik, Max Planck und Werner Heisenberg. Die Staats- und Universitätsbibliothek veranstaltete 2002 sogar eine Ausstellung Das Göttinger Nobelpreiswunder – 100 Jahre Nobelpreis. Ohne die Verdienste der Nobel-Laureaten in Zweifel ziehen zu wollen, drängt sich die Frage auf: Was ist mit anderen bedeutenden in Göttingen tätigen Wissenschaftlern des 20. Jahrhunderts, etwa den Mathematikern David Hilbert, Felix Klein und Herman Weyl, den Juristen Rudolf Smend, Hans Welzel und Gerhard Leibholz, den Philosophen Edmund Husserl, Max Scheler, Leonard Nelson und Nicolai Hartmann, dem Soziologen Helmuth Plessner, dem Theologen Karl Barth?

Um sich nicht auf das Beispiel Göttingen zu beschränken: Was ist mit Philosophen wie Karl Popper, John Rawls und Jürgen Habermas, was mit Psychologen wie Sigmund Freud, was mit Historikern wie Georges Duby oder Soziologen wie Talcott Parsons? Alle haben in ihren Wissenschaften und für die Menschheit Nützliches geleistet, das sich mit den Verdiensten vieler Nobel-Laureaten messen kann – vorausgesetzt, man verkürzt Nützlichkeit nicht auf naturwissenschaftlich-technische Entdeckungen. Wer wollte bestreiten, dass das Verständnis von Wissenschaft, Gerechtigkeit und Vernunft, die Psychoanalyse, die Erforschung des Mittelalters und die Einsicht in moderne Gesellschaften dem Menschen ebenso nützen wie viele naturwissenschaftliche Entdeckungen? Von der Mathematik als Grundlage der Natur- und Sozialwissenschaften nicht zu reden.

Die Nobelpreisverleihung begünstigt die naturwissenschaftlichen Disziplinen und die Wirtschaftswissenschaft. Den anderen, von Nobel und der schwedischen Nationalbank nicht nobilitierten Fächern, bleibt eine ähnliche Anerkennung versagt. Ihnen wird implizit eine vergleichbare gesellschaftliche Nützlichkeit abgesprochen. Auf diese Weise schafft der Nobelpreis eine globale Zweiklassengesellschaft der Wissenschaften und Wissenschaftler.

Angesichts Alfred Nobels eingeschränkter Nützlichkeitsauffassung, der daraus resultierenden selektiven Fächerwahl, bei der später etablierte Fächer wie die Psychologie und die Soziologie nicht berücksichtigt werden konnten, und der willkürlichen Erweiterung durch den Gedächtnispreis für Ökonomie stellt sich die Frage, ob die Beschränkung auf einige wenige Fächer heute noch zu rechtfertigen ist. Natürlich könnte man Nobel verteidigen und sagen, dass er als privater Stifter festlegen konnte, welche Fächer nützlich und förderungswürdig wären. Gleiches gilt für die schwedische Nationalbank. Zweifellos kann jemand, der eine Stiftung gründen will, ein Fach unterstützen, ohne an das Gebot der Gleichbehandlung gebunden zu sein. Das Gebot der Gleichbehandlung verpflichtet zwar den Staat, öffentliche Institutionen und, in moralischer Hinsicht, auch Privatpersonen, etwa Eltern gegenüber ihren Kindern. Im privaten Wirtschaftsverkehr und damit auch im Falle der Errichtung einer privaten Stiftung gilt dieses Gebot aber weder rechtlich noch moralisch. Niemand ist verpflichtet, jeden Morgen eine andere Bäckerei aufzusuchen, um alle Bäcker gleich zu behandeln. Eine freie Gesellschaft setzt die Freiheit des Stifters voraus.