Wer keinen Führerschein besitzt, braucht sich nicht einmal auf einen Hilfsarbeiter-Job zu bewerben. Wer breiten Dialekt spricht, hat keine Chance auf eine mittlere Führungsposition. Und wer lieber angelt, als auf dem Golfplatz seine Geschäftsbeziehungen zu pflegen, ist ungeeignet als Topmanager eines Großkonzerns.

So weit die Theorie. In der Praxis ist Reto Francioni trotzdem Chef der Deutschen Börse geworden. Am Montag ernannte der Aufsichtsrat den Schweizer zum Vorstandsvorsitzenden. Francioni übernimmt nicht irgendeinen Managerposten – sondern den wohl schwierigsten Job, den eine deutsche Aktiengesellschaft gegenwärtig zu bieten hat. Fast fünf Monate lang trieb die Deutsche Börse führungslos durch die Welt der Heuschrecken.

Vorausgegangen war eine Rebellion der eigenen Aktionäre. Erst hatten Hedge-Fonds-Manager den damaligen Chef Werner Seifert gezwungen, seine Strategie aufzugeben, um jeden Preis die Londoner Börse zu übernehmen. Dann drängten sie Seifert und seinen Aufsichtsratschef Rolf Breuer zum Rücktritt. So wurde aus dem einst herrisch geführten Unternehmen eine Schlangengrube, in der jeder jedem misstraut.

Das könnte auch Francioni gefährlich werden: Zwei bis drei jener fünf Vorstandskollegen, denen er nun vorsteht, hatten sich selbst Hoffnungen auf den Chefposten gemacht. Hinzu kommt: Die Rebellen haben neben dem Aufsichtsratschef auch noch sieben weitere Aufsichtsratsmitglieder austauschen lassen. Selbst Insider sind ratlos, welche strategischen Positionen im Aufsichtsgremium künftig Rückendeckung bekommen. Und als ob das nicht genug Herausforderungen für Francioni wären, ist der Aktienkurs dank massiver Rückkäufe in schwindelerregende Höhen geschossen.

Die Hedge-Fonds-Manager, die die Rebellion angezettelt hatten, haben ihren Einsatz damit zwar schon verdoppelt, wollen aber noch mehr – und zwar schnell. Jeder Fehltritt, jede unbedachte Äußerung, kann zu einem Absturz des Kurses führen, zu einem neuen Aufstand der Aktionäre, zu einer Massenflucht guter Mitarbeiter. Francionis neuer Job gleicht einem Balanceakt auf dem Hochseil. Sicher, dafür braucht man Gleichgewichtssinn. Aber nicht unbedingt einen Führerschein.

"Er mag es, unterschätzt zu werden. Ja, er provoziert es fast"