Die Gewissensfrage voraus: Soll und darf einer das Buch eines Freundes rezensieren? Aber waren wir denn Freunde, der politische, akademische, publizistische Großakteur, Chefredakteur einer kleinen (und manchmal feinen) Zeitschrift, der Neuen Gesellschaft/Frankfurter Hefte, für die der Kritiker als einer der Herausgeber zeichnet, freilich auch als Glossenschreiber des Blättchens, nicht immer zu Peters schierem Vergnügen, der dennoch die Freiheit des Wortes auf Hauen und Stechen verteidigt hat? Das verquaste Stereotyp der »Männerfreundschaft«, die den Politikern seit der Schmalz- und Hasskumpanei von Kohl und Strauß angeklebt wird – diese verschwiemelte Formel, in der sich stets ein Hauch von Verrat verbirgt: Sie war Peter Glotz, gottlob, völlig fremd. Er hielt, so herzlich er sein konnte, immer eine Spur sympathischen Abstands. Loyalität war ihm wichtiger als jene emotionellen Annäherungen, die so leicht versumpfen.

Die schludrige Intimität der Männervereine in der Politik, im Journalismus, in der Professorenschaft – Frauen sind in all jenen Kreisen nach wie vor eine fast exotische Minorität – widerspräche der Wahrhaftigkeit, die das prägende Element dieses Buches ist: Aufrichtigkeit und nicht die »krankhafte Neigung«, den Leuten die »Wahrheit« (die angebliche) ins Gesicht zu schmettern, aber auch keine Spur von der öligen Feigheit, die Carlo Schmids Memoiren zu solch blasser Langweile verurteilte, obwohl der Barockfürst der SPD realiter ein Schandmaul hatte, das keinen schonte.

Ein grundehrliches Buch, das auch den Autor nicht schont: im Schatten des Todes geschrieben, gegen den er mit solch tapferer Energie gekämpft hat, ohne Bitterkeit, eher aus einem nie versagenden Pflichtbewusstsein gegenüber der Frau, vor allem dem kleinen Sohn, gegenüber dem Leben insgesamt, von dem er sich auf einer der letzten Seiten des Bandes fragt, ob es »glücklich« gewesen sei. Das Wort, sagt er, sei ihm zu groß. Das gelte wohl für die meisten Leben. Dann beschwört er in schlichter Poesie einige Augenblicke des Glückes herauf: eine Bootstour am Sonntagnachmittag auf dem Main zum Beispiel, als er vierzehn war: »Das Eintauchen des Paddels in das glatte, ruhige Wasser…«

Eduard Bernstein wurde sein historischer Lehrer

Die lyrischen Momente sind selten. Aber immer wieder schimmert eine Passion für die Literatur durch die Zeilen, die man dem nüchtern funktionierenden Bundesgeschäftsführer seiner Partei, der vierundzwanzig Stunden am Tage im Dienst zu sein schien, dem wohlorganisierten Bonner Staatssekretär, dem stets präsenten Berliner Senator, dem Professor mit dem gnadenlosen Terminplan nicht zugetraut hätte: dem Verehrer von Ernst Jünger, Gottfried Benn, Bert Brecht, Lion Feuchtwanger, Erich Maria Remarque, deren Fotos an den Wänden seiner Münchner Bude hingen, als er noch Theaterwissenschaft studierte, keine Zeile von Marx gelesen hatte und sich für Kurt Schumacher keinen Deut interessierte. Als Einzigen unter den schreibenden Zeitgenossen zitiert er mit präzisem Qualitätsgefühl Enzensberger, auch ein ironisches Gedichtchen, das der sammetpfotige Spötter (mit dem Raubkatzenblick) auf ihn selber geschrieben hatte.

Kindheit in Eger, Angst der Bombennächte, Flucht, die Enge der ungastlichen Notunterkünfte, die rackernde Mühe des Vaters um eine neue Existenz (der, trotz tschechischer Frau, dank eines arisierten Betriebs in den Nazijahren reüssiert hatte, was der Sohn nicht verschweigt). Mit 55 war der Vater am Ende. Die Schwester starb, 23 Jahre alt, durch einen absurden Unfall. Tragisch? Glotz sagt lapidar: »Das Wort tragisch habe ich aus meinem Wortschatz gestrichen… wir Böhmen sind nicht tragisch…« Dann die Konfession eines Mannes der skeptischen Generation: »Wir dürfen nicht zu streng sein…, man brezelt sich auf, schlägt ein Rad, erobert eine Frau, einen Mann, eine Position…«, es geht »nach oben, aber dann Karzinom, Chemotherapie, Bangen, Warten, Hoffnung, und irgendwann ist es aus… Was sich die Leute alles erwarten… Viele glauben längst, es sei ein einklagbares Menschenrecht, freitagnachmittag den Rasen mähen zu dürfen und am Wochenende mit den Kindern in die Berge zu fahren… Ich bin dafür. Aber ist das das Leben? Wo? Wie lang?«

So schreibt einer, der die Dunkelheit fühlt, die sich über sein Dasein breitet. Als der Vater, als die Schwester starben, strebte er noch rastlos »nach oben«, wie er ohne falsche Scham gesteht: ein Mitglied der »Aufsteiger-Gesellschaft«. Sein Studiengeld verdiente er in einem Versicherungskontor, und politisch seilte er sich, mehr vom Instinkt als von rationaler Einsicht gelenkt, bei der SPD an. Im Oktober 1961 unterschrieb er seinen Antrag, den der Unterbezirkssekretär Rolf Reventlow entgegennahm, Sohn der Gräfin Franziska, jener Kultfigur der Schwabinger Boheme. Peter wurde der Ziehsohn des roten Barons Waldemar von Knoeringen, eines der letzten leuchtenden Idealisten in der Partei. Doch die Praxis lernte er von der Pike auf in München-Nord: den schlichten Parteidienst, die Rekrutierung eines eigenen Anhangs, die Intrigen, den Einbruch der Jungakademiker in die Genossenschaft der Arbeiter und kleinen Angestellten. Flüchtlinge aus der »scheinbar ausweglosen Langeweile« der bürgerlichen Gesellschaft und fast allesamt Prahlhänse der »Anverwandlungsliteratur«: Adornos »Kapitelchen ›Kulturindustrie‹ aus der ›Dialektik der Aufklärung‹, Herbert Marcuses kitschig-schmissigen ›Eindimensionalen Menschen‹…« Die Nachhollektüre von Marx, Engels, Lukács, Luxemburg bewahrte Glotz nicht vor den schlau arrangierten Niederlagen, aus denen er sich entschlossen aufrappelte, ein ums andere Mal. Eduard Bernstein wurde sein historischer Lehrer, der das Godesberger Reformprogramm vorausgedacht hatte, mehr als ein halbes Jahrhundert, ehe Knoeringen, Eichler, Erler, Brandt sich »unter Qualen aus der hegelianisch-marxistischen Geschichtstheologie« zu befreien vermochten.