KulturgeschichteMultikulti zwischen Weichsel und Memel

Andreas Kossert zeichnet ein farbiges, facettenreiches Bild der ostpreußischen Geschichte von Haug von Kuenheim

Vor vier Jahren hieß es an dieser Stelle: "Es gibt Bücher, bei deren Erscheinen man sich verwundert fragt, warum sie erst jetzt geschrieben wurden. Die Antwort ist simpel und vielsagend zugleich: weil vorher die Zeit noch nicht reif war." Mit diesen Worten begann Klaus Bednarz seine Rezension des Buches von Andreas Kossert, einem Historiker der jüngeren Generation, Jahrgang 1970, der am Deutschen Historischen Institut in Warschau arbeitet.

Auch dieses Mal könnten wir fragen: warum erst jetzt? Kosserts zweites Buch, eine Geschichte Ostpreußens, gleichsam die logische Fortschreibung seiner Arbeit über Masuren, wirft nämlich einen ganz neuen und für viele überraschenden Blick auf das Land der dunklen Wälder und kristallnen Seen. Kossert zeichnet ein facettenreiches, vielschichtiges Bild Ostpreußens, unterfüttert aus vielerlei bislang kaum erforschten Quellen, sowohl deutschen als auch polnischen, litauischen und russischen. Eine "Neuverortung" sei vonnöten, meint der Historiker. Das Land sei anders, als es viele wahrhaben wollen: "Seine wechselvolle Geschichte verkündet vor allem von der hoffnungsvoll stimmenden Erfahrung, dass Leben neben- und miteinander möglich ist. "

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In Ostpreußen Geborene werden von Jahr zu Jahr weniger. Ihr publizistisches Organ, das Ostpreußenblatt, krebst vor sich hin und nennt sich seit einiger Zeit Preußische Allgemeine Zeitung, einem strammen Rechtskurs folgend. Jene, die noch Erinnerungen an die Heimat ihrer Kindheit haben, bei denen Erlebtes und von den Eltern Überliefertes ein wundersames Gemisch ergeben, werden zu Zeitzeugen. Und dennoch: Das Interesse an Ostpreußen wächst von Jahr zu Jahr. Filme zeigen ein weites Land unter hohem, klarem Himmel, zeigen Alleen und verfallene Schlösser mit traditionsreichen Namen. Und immer wieder Ännchen von Tharau, Pferde und Störche. Nur das historische Wissen bleibt im Ungefähren. Dabei hat diese Region wahrlich viel zur deutschen und europäischen Kultur beigetragen. "In meiner Art zu denken und zu urteilen komme ich immer noch aus Ostpreußen", erklärte die Philosophin Hannah Arendt.

Während die Geschichtswissenschaft bislang durch eine sehr aufs Deutschtum konzentrierte Sichtweise geprägt war, lenkt Kossert sein Hauptaugenmerk auf das multiethnische Ostpreußen. Und das ist nun wirklich das Faszinierende an seinem Buch: Mit einer Fülle von Details und einer tief angelegten Sonde steigt er ein in das Neben- und Miteinander von Deutschen, Polen und Litauern in jener preußischen Ostregion.

Jahrhundertelang wurde Toleranz eingeübt und praktiziert

Seit 1525 war Preußen ein evangelisches Land. Herzog Albrecht, stark beeinflusst von Martin Luther, achtete darauf, dass in den Kirchen seinen Untertanen in ihrer Muttersprache gepredigt wurde. In Masuren und in großen Teilen des Ermlandes sprachen die Menschen überwiegend polnisch, in der Memeler Gegend des nördlichen Ostpreußens litauisch. "Dass Litauisch die Muttersprache vieler Ostpreußen war, bedeutete nicht, dass sie auch ein pro-litauisches nationales Bewusstsein hatten. Vielmehr war die ostpreußische Vielsprachigkeit zurückzuführen auf die jahrhundertelang geübte Toleranz", schreibt Kossert. Es waren sicher auch Zweckmäßigkeitserwägungen, die den Großen Kurfürsten und seine Nachfolger bewogen, ihr Land weit zu öffnen und alle aufzunehmen, die anderwärts bedrängt und vertrieben wurden, Niederländer, Franzosen und Salzburger. Während anderswo religiöse und nationale Unduldsamkeit an der Tagesordnung waren, schien in Preußen Toleranz wirklich ein Wert an sich zu sein. Multikulti – ein Schlagwort unsere Tage – könnte also für Ostpreußen aus vornationaler Zeit ohne weiteres angebracht gewesen sein.

Die Geschichte wollte es anders. Nationale Strömungen bemächtigten sich auch Ostpreußens. Die eine versuchte, den urdeutschen Charakter des Landes zu beweisen, die andere vereinnahmte die polnisch Sprechenden als reine Polen und machte aus Masuren und dem Ermland "urpolnisches" Land. Es entsprach ganz offensichtlich dem Zeitgeist, dass auch in Ostpreußen das Nationale in den Vordergrund trat und mit den Jahren, vor allem nach der Reichsgründung von 1871, eine rigorose Germanisierungspolitik in Gang gesetzt wurde, der die polnisch sprechenden Masuren und litauischen Ostpreußen in besonderem Maße ausgesetzt waren. Alles, was slawisch oder litauisch klang, galt als undeutsch und hatte zu verschwinden. Allerdings nahm sich die kaiserliche Politik noch moderat aus, verglichen mit der Deutschtumspolitik der Nazis. Mit aller Macht versuchten diese, Masuren und Ermländern die polnische Sprache auszutreiben. Aus dem öffentlichen Raum verschwand sie schließlich, Ortschaften wurden umbenannt, aber in den häuslichen vier Wänden blieb sie heimisch. Was die Deutschtümler nicht verstanden: Die polnische Sprache machte die Masuren nicht zu Sympathisanten Polens, im Gegenteil, sie wurden nicht selten zu den eifrigsten Gefolgsleuten Hitlers.

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