Familiengeschichte hat Konjunktur, und davon nicht ausgenommen sind die Unternehmer, die aus verständlichen Gründen bislang eher geneigt waren, die eigene Vergangenheit vor neugierigen Blicken zu verbergen. Denn allzu oft zeigte sich bei näherem Hinsehen, dass es gerade die wirtschaftsbürgerliche Elite gewesen war, welche die wahnwitzige Welt- und Flottenpolitik des wilhelminischen Deutschland unterstützt, die Demokratie von Weimar mit allen Mitteln bekämpft und sich den nationalsozialistischen Machthabern willig angedient hatte.

Nach den Krupps und den Flicks ist nun also die Schweinfurter Industriellendynastie Sachs an der Reihe. In Wilfried Rott, bis vor einem Jahr Leiter der Abteilung Kultur aktuell beim SFB/rbb-Fernsehen, hat sie einen ebenso kundigen wie schreibgewandten Biografen gefunden. Allerdings musste auch er die Erfahrung machen, dass die Familie sich seinem Vorhaben gegenüber äußerst reserviert verhielt. Dokumente im Privatbesitz durfte er nicht einsehen. Dieser Nachteil konnte durch Befragungen von Zeitzeugen und durch Recherchen in zahlreichen öffentlichen Archiven jedoch weitgehend wettgemacht werden. Rott hat viel aufschlussreiches Material zutage gefördert, und man versteht nach der Lektüre, warum die Familie Sachs kein besonderes Interesse daran haben konnte, den Autor bei seinen historischen Erkundungen zu unterstützen.

Wenn der Name Sachs fällt, denkt man natürlich sofort an Gunter Sachs, den Erben eines Millionenvermögens, der in den sechziger Jahren als Playboy und Ehemann von Brigitte Bardot von sich reden machte. Doch nicht um ihn geht es eigentlich in diesem Buch, obwohl Wilfried Rott auch diesem Selbstdarsteller viel, vielleicht zu viel Aufmerksamkeit schenkt. Interessanter und in gewisser Hinsicht exemplarisch sind die Lebensläufe von Großvater Ernst und Vater Willy Sachs.

Mit dem Fahrrad beginnt die Erfolgsgeschichte

In Ernst Sachs führt der Autor einen typischen Vertreter der wilhelminischen Gründergeneration vor. Der Handwerkersohn aus Konstanz war ein Selfmademan. Seine phänomenale Karriere verdankte sich vor allem einer Erfindung: der kugelgelagerten Fahrradnabe, auf die er 1894 sein erstes Patent anmeldete. Um die Jahrhundertwende war das Fahrrad zu einem äußerst beliebten Fortbewegungsmittel geworden, und mit der Torpedo-Nabe, die den Freilauf mit der Rücktrittbremse verband, gelang es dem Tüftler vom Bodensee und seinem Kompagnon Karl Fichtel, eine marktbeherrschende Position zu erringen. Die 1895 in Schweinfurt gegründeten Präcisions-Kugellagerwerke Fichtel & Sachs entwickelten sich in einem rasanten Tempo. Schlagartig wurde Ernst Sachs zu einem reichen Mann, der es liebte, den frisch erworbenen Wohlstand demonstrativ zur Schau zu stellen. Wie andere wilhelminische Unternehmer umgab er sich mit Statussymbolen, die bislang dem Adel vorbehalten waren. So kaufte er 1912 ein großes Gut in Oberbayern. Mitten im Ersten Weltkrieg, der der Firma glänzende Gewinne bescherte, kam der Erwerb von Schloss Mainberg vor den Toren Schweinfurts hinzu.

Rott versäumt es freilich nicht, hinter die glanzvolle Fassade dieser Erfolgsgeschichte zu schauen und auf die Grenzen des unternehmerischen Selbstverständnisses aufmerksam zu machen. Ernst Sachs verband den Gedanken der Fürsorge für seine Arbeiter mit einem unbedingten Herr-im-Hause-Standpunkt. In den revolutionären Nachkriegsjahren, als die Arbeiter auch bei Fichtel & Sachs gegen Lohnsenkungen und Entlassungen aufbegehrten, ging er mit unnachgiebiger Härte gegen Streikende vor. Einen »paternalistischen Arbeitgeber reinsten Wassers« nennt der Autor ihn zu Recht.

Seine politische Heimat fand der Firmengründer, wie die meisten Industriellen, nach 1918 bei der Deutschen Volkspartei (DVP), die zur Republik von Weimar ein distanziertes Verhältnis pflegte. Für die Ende der zwanziger Jahre anschwellende Hitler-Bewegung hatte er, folgt man Rott, keinerlei Sympathien gehegt. Doch sein Sohn Willy, der nach dem Tod des Patriarchen im November 1932 die Leitung der Firma übernahm, trat bereits im Frühjahr 1933 der NSDAP bei. Mehr noch: Im August 1933 wurde er Mitglied der SS, wo er es im Laufe der Jahre bis zum Obersturmbannführer brachte. Handelte es sich um eine Art »Vatermord«, eine »Abnabelung vom übermächtigen Vorbild«?