BiografieEmpfindsames Genie

Joachim Radkaus monumentale Max-Weber-Biografie erhellt das Persönliche, weniger das Werk und seine Wirkung von 

Weshalb eigentlich interessiert uns das Leben von Persönlichkeiten, deren Werk wie ein offenes Buch vor uns liegt? Würde sich zum Beispiel auch nur eine Note am erhaltenen Lebenswerk Johann Sebastian Bachs ändern, würde seine Musik anders klingen, wenn wir von seinem Lebensweg nicht die Spur einer Ahnung hätten? Bei Martin Luther hingegen – wären wir da wirklich imstande, die Wucht seines reformatorischen Durchbruchs zur befreienden Rechtfertigungslehre nach Paulus zu ermessen, wüssten wir nicht aus den biografischen, vor allem autobiografischen Zeugnissen, wie sehr er sich zuvor mit seinem Sündenbewusstsein, ja mit seinen (wie sein väterlicher Freund Staupitz ihm zurief) "Puppensünden" gequält hatte?

Welche der beiden Perspektiven gilt nun für das Verhältnis zwischen Lebenswerk und Lebensweg bei Max Weber, dem deutschen Gründungsvater der Soziologie, dessen Opus alles andere als in auktorialer Geschlossenheit, schon gar nicht in einer Ausgabe letzter Hand vor uns liegt? (Die eminente Gesamtausgabe seiner Werke harrt noch der Vollendung.) "Zu seinen Lebzeiten", so bemerkte Wilhelm Hennis schon 1982, "hat Weber nur zwei ›richtige Bücher‹ veröffentlicht, jene, die für eine akademische Karriere unabdingbar waren: Dissertation und Habilitationsschrift. Das gesamte übrige Werk besteht aus Enquete-Berichten und zumeist schnell hingeworfenen Aufsätzen, die erst nach seinem Tod in Sammelbänden in Buchform erschienen." Wie lässt sich aber nun das weithin Unvollendete seines Werkes zu dessen endloser Wirkungsgeschichte in Beziehung setzen? Lässt sich gar das Bruchstückhafte des Lebenswerkes mit Brüchen im Lebensweg erklären – also mit jenem "Lebensleiden" Webers, das ihn zu einer jahrelangen Produktionsblockade verurteilte und für fast den Rest seines Lebens zur Aufgabe der akademischen Lehrtätigkeit?

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Ahnend und raunend hatte Hennis damals schon erklärt: "Den Wunsch nach einer angemesseneren, Marianne Webers ›Lebensbild‹ ablösenden Biografie werden wir bis zur vollständigen Edition des offenbar enormen Briefschatzes hintanstellen müssen… Für ein tieferes als auch heute mögliches Verständnis sind ohnehin nur vom Briefwechsel Förderung und Korrektur – womöglich einschneidende – zu erwarten." Das musste seinerzeit schon wie ein Hinweis der Wissenden auf noch nicht offen zu legende biografische Diskretionen und Intimitäten verstanden werden. Freilich, die komplizierte Liebesgeschichte der Else Jaffé sowohl mit Max Weber als auch mit dessen Bruder Alfred als auch wieder mit Max war in Umrissen bekannt, weniger deutlich wohl seine Liebesbeziehung zu der Pianistin Mina Tobler. Wie auch immer: Stoff genug für Spekulation und Klatsch, aber natürlich auch für ernsthafte Fragen. Wilhelm Hennis jedenfalls warnte ungeachtet seines Wunsches nach einer neueren Biografie sogleich: "So fragwürdig wie die Bemühung um die säuberliche Trennung von Person und Werk hat sich die ›Ableitung‹ des Werks aus der Psyche Webers erwiesen. Er war ein Genie und ein für die Problematik der Welt, in der wir leben, empfindsamer Mensch. Seinen Niederschlag fanden Genie und Empfindsamkeit aber in einem Werk, das Fachwissenschaft sein wollte."

Dreiunddreißig Jahre nach Hennis’ Wunsch und Warnung legt nun Joachim Radkau, als sei es eine Erfüllung von beidem, eine monumentale Biografie Max Webers vor. Das Buch verdankt sich, was die Quellen angeht, vor allem – wie Hennis schon vorausgesehen hatte – der gründlichen Erschließung bisher nicht ausgewerteter Briefkonvolute. Und es verdankt sich dem Umstand, dass Radkau durch seine früheren Studien, etwa über Das Zeitalter der Nervosität, in vielen Themen als Autor ausgewiesen ist, die für die Zeiten und Zustände Max Webers bedeutsam sind. Selten wird man auf Ergebnisse eines derart stupend detaillierten Quellenstudiums, auf eine in so vielen Skizzen die geistesgeschichtliche Landschaft und das soziale Milieu (etwa der damaligen Universitätswelt, Heidelbergs insbesondere) anleuchtende Biografie stoßen. In der Tat kann man den Band über die Biografie Webers hinaus als eine sehr perspektivenreiche Besichtigung eines gesamten Zeitalters, nicht unbedingt als eine Soziologie, aber doch als eine Studie des "Gesellschaftlichen" und des "Interessanten" einer Epoche lesen.

Die Frage allerdings bleibt, ob diese in ihren Erhebungen überwältigende, erdrückende, am Ende aber auch ermüdende Monumentalstudie unser Verständnis von Max Weber wirklich nicht nur erweitert, sondern auch vertieft. Kurz gesagt: Für die Person mag das gelten – für das Werk und dessen Wirkung nur begrenzt.

Radkaus Biografie stellt – aus der Perspektive des Werkes betrachtet – sozusagen das extreme Gegenstück zum Forschungsinteresse von Wilhelm Hennis dar, der hier noch einmal zur Erkenntnishilfe gerufen sei, obschon seine Leidenschaftlichkeit und Polemik (die er mit diesem seinem Hausheiligen Weber durchaus teilt) in den gemäßigteren Zonen der Weber-Forschung auch mit Irritation aufgenommen wird. Geht es nach Hennis, so ist es ebenso notwendig wie möglich, das gesamte Werk und Trachten Webers auf eine sozusagen archimedische, nämlich die anthropologische Fragestellung zurückzuführen: "Was wird – ›seelisch‹, ›qualitativ‹ – aus dem Menschen?" Diese zentralperspektivische Fragestellung durchziehe das gesamte Werk, von der Freiburger Antrittsvorlesung 1895 an bis zum abgebrochenen Ende. Radkau hingegen teilt Leben und Werk Webers in zwei deutlich voneinander geschiedene Phasen, in denen wir jeweils einem ganz anderen Menschen begegnen und entsprechend einem ganz anderen Werk.

Indiskrete Introspektionen der Weberschen Intimsphäre

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  • Schlagworte Max Weber | Karl Barth | Askese | Biografie | Theologie | Israel
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