Biografie Empfindsames GenieSeite 3/3
All diese Irritationen werden dadurch gesteigert, dass Radkaus Buch mit ungezählten Seitenhieben auf die traditionelle Max-Weber-Forschung (oder -Bewunderung) durchsetzt ist und dass Radkau nur zu oft eben das schwach und fatal findet, was die »Bewunderer« rühmen (und umgekehrt – nur er allein würdigt zum Beispiel die Musiksoziologie wirklich), hingegen seine Aufschlüsse oft an Sätzen festmacht, welche die herkömmliche Weber-Forschung entweder nicht sorgfältig gelesen oder nicht richtig verstanden habe. Eine gewisse entmythologisierende Respektlosigkeit liest sich ja nicht nur amüsant, sondern ist in diesem Fall auch sachlich berechtigt – so ist Webers Freiburger Antrittsvorlesung, so sind viele politische Urteile Webers wirklich nur als peinlich und grenzwertig zu lesen. Aber wer als Biograf in einem Werk von gut 1000 Seiten immerzu die Weber-Gemeinde verspottet und züchtigt, wäre dem Leser doch wohl eine substanzielle Auseinandersetzung mit der Rezeption des Werkes, vor allem mit seiner weltweiten Wirkung bis heute schuldig. Hier wäre das Lektorat gefordert gewesen – bei der entschiedenen Kürzung des Wuchernden wie bei der Einforderung des Fehlenden. Und bei der Schlusspassage: Nach all der Ausbreitung des allzu Intimen zieht sich Radkau darauf zurück, dass ja inzwischen alle auch sekundär Betroffenen gestorben und deshalb alle Schranken gefallen seien. Widerspruch, Euer Gnaden! Auch lange nach dem Tode gibt es doch immer noch ein Tabu, das vor der Bloßstellung des Nacktesten schützt – jedenfalls dort, wo es nicht um notwendiges Wissen geht, sondern um unnötiges Wissenwollen.
Max WeberPolitisches BuchDie Leidenschaft des DenkensJoachim RadkauBuchC. Hanser Verlag2005München451008- Datum 13.10.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 13.10.2005 Nr.42
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