Das Ego landet pünktlich um 20 Uhr. Genauer gesagt: Es fährt aus dem Boden hoch. Das Ego trägt Siegergrinsen und einen schwarzen Anzug. Das Ego hat nicht vor, eine Lektion in Bescheidenheit zu geben: "Here I stand, victorious, the only ever man to make you come", singt Robbie Williams, als er sich mit dem Mikrofonständer in den Dampfnebel vorbeugt, der aus versenkten Düsen hochschießt. Es sind die ersten Zeilen seines neuen Songs Ghosts. Die Eröffnung kündet an, welche Geister er heute Abend rufen wird. Aber der Reihe nach. Intensive Care BILD

7800 Nervensysteme in der Halle sind zum Zerreißen gespannt, draußen in Dutzenden Kinos europaweit noch einige zehntausend mehr. Robbie Williams hat ein neues Album aufgenommen. Es kommt nicht einfach in die Läden. Eine perfekt choreografierte Kampagne hat dafür gesorgt, dass die Welt diesem Ereignis entgegenzufiebern scheint. Noch kurz vor Konzertbeginn blicken TVKameras in Hotelzimmer von aufgeregten Trash-Promis, die sich für das Ereignis aufbrezeln. Man kann darüber streiten, ob Williams der größte Entertainer der Gegenwart ist – er ist auf jeden Fall die größte Konsens-Maschine. Er vereinigt Zielgruppen wie sonst keiner: Schwule und Heteros, Freunde der Feuerzeug-Schnulze, schlichte Rock-Gemüter, Teenies und deren Eltern gleich dazu.

Williams ist jetzt 31, seit 14 Jahren im Geschäft – und seine eigene Reality-Soap. Seine Geschichte, Aufstieg und Fall mit Take That, Drogenabstürze und Läuterungen, gilt als kanonisches Wissen. Deshalb wissen auch alle, die hier sind: Er hat sich angeblich vor zwei Tagen beim Fußball den Unterarm gebrochen. Doch die Show muss weitergehen. Die Maschine ist nicht zu stoppen.

Das Berliner Velodrom erscheint wie ein Science-Fiction-Las-Vegas. Vor der weißen muschelförmigen Bühne ist ein Streichorchester platziert, ein Dutzend Chorsänger, eine Rockband mit drei Gitarristen, Keyboards, Schlagzeug. Von dort führt ein Gang in weitem Bogen zu einem Rund in der Mitte der Halle. Kameras an hydraulischen Kränen vollführen ihr irrwitziges Ballett über den gereckten Armen. Es gibt Menschen, die nicht nur 100 Euro für Robbie Williams hergeben, sondern auch ihre Unterwäsche.

Die Inszenierung muss eine fragile Balance wahren: Das zahlende Live-Publikum ist am nächsten dran. Aber es ist zugleich nur Kulisse für die wesentlich ergiebigeren Verwertungskanäle. Hier wird Content produziert. Für die TV-Ausstrahlung, die DVD oder den Videostream, den der assoziierte Mobilfunkanbieter seinen Kunden live aufs Handy spielt, das vorzugsweise von einem weiteren Werbepartner, einem Elektronikkonzern, stammt, der seine Geräte mit exklusiver Musik von Williams verkauft. Ein Kreditkartenunternehmen ist auch noch dabei. Die Strategien wirken, als wolle jemand Richard Hamiltons Definition von Pop-Art umsetzen. "Überflüssig, billig, jung, sexy, glamourös" müsse sie sein, sagte Hamilton schon 1957, und vor allem: "big business". Knapp 50 Jahre später heißt diese Kunstform Marketing. Advertising Space heißt einer der neuen Songs.

Aber geht es nicht auch um Musik? Wie klingt der neue Robbie Williams?

Was bei Madonna die Imagewechsel, das sind bei Williams die Wechsel der Songwriter. Stephen Duffy, der neue, hat mit Robbie Williams, der erst mit 27 das Gitarrespielen lernte, zwei Jahre lang an Intensive Care gearbeitet – und eine stromlinienförmige, bisweilen überproduzierte Einfachheit angestrebt. Trippin’ mit seinem überraschenden Falsettgesang erinnert an die frühen achtziger Jahre, an Men At Work, Talking Heads oder The Clash. Und bleibt der einzige Knaller des Albums. Sin Sin Sin mit seinem rollenden Synthie-Bass könnte von David Bowie sein. A Place To Crash ist eine Reverenz an die Stones. Natürlich gibt es reichlich radiotaugliches Material. Aber das ist heutzutage kein Kompliment. Robbie Williams ist jetzt endgültig ein Star für die ganze Familie. Wenn er noch eine Weile gesund weiterlebt, beerbt er seine Vorbilder Frank Sinatra und Tom Jones. Und steht irgendwann wirklich auf einer Bühne in Las Vegas. Bis dahin zitiert er erst ein paar weitere alte Bekannte: Lou Reed (Walk On The Wild Side), Gloria Gaynor (I Will Survive), Frankie Goes To Hollywood. Ein Fleisch gewordener iPod.