pop iPod aus FleischSeite 2/2
Dann kommt der Moment, wo er es ausspricht: Der Posten des »King of Pop« sei derzeit vakant, und er finde sich durchaus geeignet. Dieser Szene fehlt jene Selbstironie, mit der der begabte Bengel sonst immer die Kurve kriegt. Eine von Williams’ Stärken war es bislang, seine Schwächen zu zeigen. Deshalb darf Robbie normalerweise alles, was Männer im wirklichen Leben nicht dürfen. Aber um König sein zu wollen, muss man den Bezug zur Wirklichkeit schon ein gutes Stück verloren haben – oder vielleicht in einer Monarchie geboren sein.
Seine Großkotzigkeit und sein Witz waren das, was an Robbie Williams noch rockte. Bei einer Pressekonferenz sagte er der gesamten britischen Boulevardpresse, wo sie sich ihre triefenden Geschichten hinstecken kann. Außerdem: »Die Leute, die jetzt Kate Moss in die Pfanne hauen, mit denen habe ich selbst früher gekokst.« So redet einer, der von unten kommt. Der Kneipierssohn aus Stoke-on-Trent, der Vorzeige-Proll, der auch mit gebrochenem Arm alles gibt. Und dann nach 90 Minuten ohne Zugabe verschwindet. Böser Interruptus für sein Publikum, das sich gerade erst warm gekuschelt hat. Das Gefühl bodenloser Traurigkeit, das Williams früher nach seinen Konzerten beschlich, erleben jetzt seine Fans, die nach einem mechanisch exerzierten Programm plötzlich in grelles Saallicht blinzeln.
In dem Dokumentarfilm Nobody Someday hat Williams sein Innerstes nach außen gekehrt. Er sagt darin: »Das einzig Gute am Popstar-Dasein ist das Geld.« Und: »Wenn ich einmal herausfinde, wozu mein Verstand gut ist, werde ich brillant sein.« Nun, nach einigen Jahren in Los Angeles, wo er weitgehend unbehelligt leben kann, scheint er der Erkenntnis nahe gekommen zu sein. Und da ist keine Spur mehr von faustischem Hadern und Zweifeln. Der Zauberlehrling hat seine Lektion gelernt. Er sagt bedingungslos ja. Im Popgeschäft ist Erfolg längst zum Inhalt an sich geworden. Diese Show und das damit verbundene Interessengeflecht sind leidenschaftsloser Popkapitalismus in Reinkultur. Ein working class hero – das ist heute jemand, der es nach oben schafft.
Draußen, vor der Halle, liegen noch haufenweise Schlafsäcke und Campingstühle von Leuten, die bis zu eineinhalb Tage ausgeharrt haben, um den bestmöglichen Platz zu bekommen. Im S-Bahnhof hocken sie noch eine Stunde später auf dem Boden und singen Feel, diesen Schrei nach Liebe und nach echtem Leben. Später, bei der After-Show-Party im Kaisersaal, wird Robbie Williams nach zwei Minuten wieder verschwinden. Es ist nicht seine Party, auf der all diese Society-Stuten und Röntgenbilder für die TV-Kameras herumlaufen. Es ist die Party des Mobilfunkanbieters. Ein Schokoladenbrunnen sprudelt. Als Strapsmäuse aufgedonnerte Hostessen mischen sich unter die männlichen Gäste. Sie haben ihre Schlüpfer nicht auf die Bühne geworfen. Sie tragen Reizwäsche in der Konzernfarbe. So stellen sich Mobilfunkanbieter das wilde Leben vor. Sex sells. Geile Idee. Das weiß Robbie natürlich auch. Aber ein Sieger war er an diesem Abend nicht.
- Datum 13.10.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 13.10.2005 Nr.42
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