Mut macht er uns gerade nicht. "Lasst es bergab rollen. Die Bremsen könnt ihr auf dem Schotter sowieso nicht halten", sagt Eddie Albert. Der kleine New Yorker mit dem mächtigen Schnauzer und der Nickelbrille muss es ja wissen. Er sammelt historische Rennräder. Mit einer Gruppe von Landsleuten trainiert er seit Tagen für das nostalgische Radrennen L’Eroica, die Hügel der Toskana ist er schon mehrfach rauf- und runtergestrampelt: "Durch diese wundervolle Landschaft zu radeln ist wie der Himmel auf Erden." Das Rennen L"Eroica ist halb Strapaze und halb Karneval auf Rädern BILD

Nun stehen wir am Start, auf der kleinen Piazza Ricasoli, in Gaiole in Chianti. Der kleine Ort liegt mitten im Chianti-Gebiet zwischen Florenz und Siena, einer von Eichen, Kastanien, Pinien und natürlich Rebstöcken bewachsenen Hügellandschaft. Eddies Warnungen liegen uns noch in den Ohren: Schotter, bergab, nicht bremsen! Doch der bunte Pulk sieht weniger nach kommenden Heldentaten als nach Dolce Vita aus. Die Teilnehmer lachen und flachsen, knipsen und telefonieren. Aber vor allem mustern sie die fantasievollen Kostüme ihrer Mitradler und noch intensiver deren alte Rennmöhrchen. Eine kleine Kompanie Schweizer Gebirgsjäger in tarngrüner Montur auf unverwüstlichen Militärrädern ballert aus Jux und Tollerei mit der Schrotflinte in den Himmel. Don Camillo in bodenlanger Kutte segnet – "Friede sei mit euch und auch mit mir" – gleich zwei Pepponi und die ganze Radlerschar. Zwei Schönheiten mit langem Wickelrock, gehäkelter Stola und Potthut fallen mit ihren Hollandrädern aus dem männlich dominierten Rahmen. Viele haben für den Notfall einen Ersatzschlauch und Werkzeug in die hintere Trikottasche gestopft und einen Radmantel um den Oberkörper geschlungen. Ein Karneval der Radkulturen, Gaiole in festa.

Für die neunte Auflage der Eroica haben sich 899 Teilnehmer gemeldet, fast doppelt so viele wie im vergangenen Jahr. Das Heldenrennen hat sich in Liebhaberkreisen herumgesprochen, jeder zehnte Radnostalgiker kommt aus dem Ausland. Wir gehören zum Brooks-Team. Die englische Sattelmanufaktur ist Hauptsponsor der Eroica. Natürlich sind auch wir auf gestern getrimmt worden: Das tiefschwarze, supercoole Trikot ist aus Wolle und kratzt höllisch. Unsere Rennmaschinen sind kürzlich für einen italienischen Radfilm aus vierzig Jahre alten Einzelteilen neu zusammengebaut worden. Die alten Schätzchen haben noch eine externe Seilzugbremse, die Schaltung am Unterrohr und Pedale mit Schlaufen.

Die Eroica bietet für jeden Heldentyp die geeignete Strecke: 38, 75, 135 und 200 Kilometer. Nur nicht übertreiben, haben wir uns gesagt, 38 genügen, dabei sein ist alles. Zumal immer wieder die holprigen Schotterpisten unseren Weg pflastern werden. Zunächst geht aber alles glatt. Die ersten zehn Kilometer sausen wir hinunter auf Asphalt. Nichts zu sehen vor lauter Wald. Dann die Abzweigung von der Landstraße, die erste Schotterpiste entlang. Sofort fängt die blecherne Trinkflasche an, in der Halterung zu scheppern. Mit schmalem Reifen im Schotterbett steil den Hügel hinunter, das verlangt volle Konzentration. Wir überholen Signore Libero im gelben Trikot, mit 84 Jahren ist er der älteste Held der Tour. Schon muss der erste Radler seinen Reifen flicken, ein anderer befestigt seinen locker gerüttelten Lenker. Und hinter der nächsten Kurve hockt Don Camillo am Boden und fummelt mit Kneifzange und Schraubenschlüssel am Ritzel herum. Erst ermüdet das Material, später der Mensch. Normalerweise sind Schotterpisten für High-Tech-Radfahrer der reinste Horror, doch für das Radrennen in Chianti sind sie die Bedingung schlechthin.

"Mit der Eroica wollen wir das Abenteuer und den Sportsgeist aus der Zeit der Radsporthelden Coppi und Bartali wiederbeleben und für den Erhalt der historischen Schotterstraßen, der strade bianche", kämpfen, hatte uns Giancarlo Brocci tags zuvor erklärt. Denn neben dem Wein, den Oliven und Zypressen prägten die alten, Dörfer verbindenden Schotterpisten das Bild von der Kulturlandschaft Toskana. Brocci ist der Schöpfer der Eroica, mit seiner Vereinigung Parco Ciclistico del Chianti veranstaltet er das Retro-Radrennen.

Bei strahlender Herbstsonne sind wir mit ihm durch den herrlichen Klostergarten von Badia a Coltibuono spaziert. Das ehemalige Benediktinerkloster Buon Raccolto ("gute Ernte") über den Tälern von Arno und Arbia gehört heute der Familie Stucchi Prinetti und ist eines der berühmtesten Weingüter der Region. Bei einem Glas Chianti Classico unter der schattigen, mit Wein überrankten Pergola hat Brocci die große Toskana-Koalition beschworen: Damit die weitere Asphaltierung der strade bianche gestoppt wird, machen die Eroica-Organisatoren, viele Einheimische, Umweltschützer und Radsportfreunde, aber auch Ausländer, die hier ein Haus haben, Druck auf die politischen Instanzen. Nach einer Katastererhebung gibt es in der Provinz Siena noch 1500 Kilometer Schotterpisten.