In einem kinotauglichen Traum trat neulich der große Pianist Alfred Brendel auf. Er hatte gerade im Plattenstudio eine Schubert-Sonate aufgenommen, da servierte ihm ein gewisser Hagen einen Vergessenstrunk. Nach der Verkostung befiel Brendel eine tiefe Amnesie. Als Hagen ihm das Band vorspielte, erkannte sich Brendel nicht wieder, bat um einen Laptop und schrieb über das Gehörte einen fulminanten Verriss, den ein angesehenes Musikmagazin umgehend druckte. Leider hatte Brendel auch seine Kontonummer vergessen, so dass der Buchhalter aufschrie – und der Traum endete.

Die Realität ist für alle Beteiligten erlösend. Ein Brendel vergisst nichts Musikalisches, weder Noten noch Pianozeichen, weder Allegroüberschriften noch den Sinn eines Brahms-Intermezzos. Ein Brendel hat so lange über sein Tun gegrübelt, dass er eigene Bänder auch unter Drogen erkennen würde, und zwar zu seiner vollen Zufriedenheit. Trotzdem war der Traum nicht ganz abwegig, denn es gibt einen Alfred Brendel auf einer Tastatur neben der Klaviatur. Seit fast vierzig Jahren ist der Großpianist auch als Musikschriftsteller eine Kapazität.

Als Pianist wie als Autor strebt Brendel stets aufs Gesamtmassiv

So berühmt wie seine Platten wurden seine Texte nicht, trotzdem gelten sie unter Gutbebücherten als tiefsinnige und glänzend formulierte Erörterungen zu allen Fragen der (Klavier-)Musik. Seit 1966 erschienen sie als Beihefttexte, Essays für Zeitschriften, Buchaufsätze; vor genau zwanzig Jahren ehrte Brendel die ZEIT mit Ermahnungen eines Mozartspielers an sich selbst. Jetzt wurden sie, mit ein paar neuen Beiträgen, zu seinem 75. Geburtstag im Januar 2006, in einem Sammelband gebündelt, welcher den knöchern-bescheidenen Titel Über Musik trägt .

Auf die Höhe des Spielens und des Schreibens gelangt der Künstler nicht nur durch das Handwerk, sondern auch über beider gemeinsames Basislager: das Nachdenken. Als Pianist wie als Autor strebt Brendel, der sich das Arbeiten gern schwer macht, nach der spirituellen Bewältigung des Gesamtmassivs. Noten sind bloß Klettersteige, das Gedachte liegt neben, über, unter und hinter ihnen. Um dieses Gedachte zu begreifen, ist Brendel keine Gründlichkeit zu gering, denn der Komponist ist seine höchste Instanz. Wenn Brendel Klavier spielt, fühlt er sich »eingeklemmt zwischen dem Komponisten und dem Publikum«, dies ist eine ihm sehr angenehme Haltung.

Dem Autor Brendel geht es genauso, gern denkt er an den Leser. Er meidet jedes Fachchinesisch, ohne ein Jota unter Niveau zu bleiben. Das führt dazu, dass beim Lesen die Musik tatsächlich zu klingen beginnt – wenn Brendel etwa in Beethovens früher Sonate f-moll die Verwandlungen von »Jekyll in Hyde« oder ein »synkopisches Wetterleuchten« erkennt, »das dem kleinen Gewitter in der Durchführung voranging«. Der Schriftsteller Brendel, der im Drittberuf satirische Gedichte schreibt, hat überdies ein köstlich leisetreterisches Verhältnis zum Humor. Zu Liszts h-moll-Sonate verkündet Brendel, »dass keines der Themen enttäuscht«. Den Beweis liefert er mit brendelianischer Strenge. Überaus ernst beantwortet er auch die Frage: »Gibt es eigentlich lustige Musik?«

Natürlich kreist der schreibende Interpret Brendel am liebsten um seine Liebsten: Mozart, Beethoven, Schubert, Liszt. Ihre Werke stehen vor ihm auf dem Flügel mit dem brennenden Wunsch, »ständig neu belebt (wenn nicht wachgeküsst)« zu werden. Einmal weitete der Autor Brendel seinen Umgang auf andere Literatur aus, wurde dabei ungehalten und verfasste eine »Warnung vor einem Musiklexikon«, welches »ein Zeugnis traurigen Versagens auf allen Ebenen« biete. Der Verlag konnte es einstampfen.