Eine Minute mag er für die beiden Zeichnungen gebraucht haben. Zeichnungen, das ist fast schon zu viel gesagt, es sind bestenfalls Skizzen, hingeworfen aus Strichen, Punkten, Tintenklecksen: die eine wie ein Hahnentritt, die andere buschartig. Charles Darwin hat sie 1837 notiert, dabei hat der Begründer der Evolutionstheorie sein mangelndes Zeichentalent oft bedauert. Die zwei fächerartigen Skizzen gehören zu den wenigen Bildern von Darwins Hand, 28 Jahre alt war er da, aber ihre Spur, ja ihre Struktur wird sich auf das ganze Denken des überragenden Forschers erstrecken, bis in sein Hauptwerk über Die Entstehung der Arten (1859) hinein. Ihre Bedeutung war bislang unbekannt, Darwin selbst hatte sie fast vergessen.

Wieder einmal hat sich der Bilderforscher Horst Bredekamp eines scheinbar marginalen, weil piktoralen Erbes eines großen Wissenschaftlers angenommen. Und wieder gelingt es Bredekamp, dem bildlichen Denken zu seinem Recht gegenüber der Sprache zu verhelfen: In Darwins Zeichnungen deckt er nichts Geringeres als eine neue Facette der Evolutionstheorie auf, in Form eines Darwinschen Widerspruchs, der bis heute ein riesiges Missverständnis prägt: Darwins allbekannte Metapher für die Entwicklung der Arten, der »Baum des Lebens«, ist falsch. Es handelt sich rechterdings um eine »Koralle des Lebens«. Doch die will erst einmal freigeholzt sein.

80000 Arten sind heute klassifiziert, geschätzte 30 Millionen Spezies leben auf der Erde. Wie kann der Mensch sich die unendliche kreatürliche Vielfalt überhaupt vorstellen, wie ihre Entwicklung und Verwandtschaft modellhaft erfassen, denkerisch begreifen? Im kontraevolutionären Kampfwort vom »Intelligent Design« ist die Virulenz dieser Fragen gerade neu entflammt. Darwins naturphilosophische Vorgänger beantworteten sie ähnlich. Sie hatten Artenkreise, vor allem aber Bäume entworfen, in denen die Gattungen sich vom Stamm aus verzweigten. So ein Lebensbaum mag als Wurzel Jesse seinen Symbolzweck erfüllen, als wissenschaftliches Modell legt er eine Hierarchie des Lebens nahe, gleich einem Gottesplan von der Wurzel bis zur Frucht – unvereinbar mit der bunten Unüberschaubarkeit mal weit, mal nah verwandeter Spezies in der Natur. Von den Fossilien ganz zu schweigen: Denn nirgends wächst oben weiter, was unten bereits versteinert ist.

Im Korallenstock wächst neues Leben auf Totem

Darwin kannte die Mängel der Baummetapher, doch ausgerechnet akademischer Überlebenskampf ließ sie fortbestehen. Bekanntlich verfasste Darwin, nachdem er 1858 das Manuskript der Entwicklungstheorie von Alfred Wallace gelesen hatte, in nur neun Monaten The Origin of Species, um Entdecker der Evolution zu bleiben. Doch er übernahm Wallace’ anschauliches Baum-Bild: Die Arten »scheinen sich wie ein Baum zu verzweigen«, schreibt Darwin nicht ohne Skrupel, die man später überlas. Heute ist der Lebensbaum, der erstmals als Diagramm der Artenentwicklung in The Origin erscheint, das Evolutionsparadigma schlechthin.

Bei diesem Bild setzt Bredekamp an, genauer, in der Lücke zwischen Bild und Text: Denn wo immer Darwin das Diagramm erklärt, ist nie vom Baum die Rede, so wenig wie umgekehrt. Warum, zeigt das Manuskript der Tafel (das Bredekamp wie alle anderen Bilder abdruckt): Hier variiert Darwin sehr sorgfältig, sehr unbaumartig, die Abstände, Beziehungen und Verbindungen der Artengenese. Er orientiert sich eindeutig, wie Bredekamp an etlichen Skizzen bis zu jenen von 1837 zurückverfolgt, an der Struktur der Koralle. Gewiss, das wahre Leben der Polypen ist Nebensache, Darwins Koralle ist nur ein Bildzeichen – aber eins, das der Evolution endlich gerecht wird. Die Koralle wächst irregulär, unhierarchisch, hat Querverbindungen, offene Enden und erfasst historisch die ausgestorbenen Arten: Im Korallenstock wächst neues Leben auf Totem.

Überraschend tritt die Kulturgeschichte hinzu: Korallen galten seit alters als metamorphotisches Wunder, als Wassergabe, die an Luft zum Juwel härtete – ein Symbol harmonischer Natur. Im 19.Jahrhundert sah Jules Michelet im meertrotzenden Korallenriff gar ein Bild der Demokratie: »Das einzelne Individuum ist bescheiden, die Republik dagegen imposant.« Diese Korallenpoesie spielt in Darwins Modell hinein – knüpft sie doch an einen oft verdrängten Hauptstrang der Evolutionstheorie an: an die Schönheit, die bei der Partnerwahl als Gegenprinzip zum Lebenskampf fungiert. Darwins Ästhetik wurde in der Fixierung auf das survival of the fittest lang vergessen. Das friedliche Lebensbild der Korallenmetapher bestätigt Darwins »Januskopf als Vernichter und Vollender der Naturphilosphie« (Bredekamp), wie alles Schöne wird es nichts ausrichten gegen die Gewalt, das Kampfgeschrei des Populärdarwinismus.