Besichtigen Sie die Mozarts! Ganz privat, täglich von 12 bis 14 Uhr! Nein, es geht hier nicht um den Musikzirkus unserer Tage. Die Anzeige, die am 9. April 1765 im Public Advertiser zu London erschien, lautete tatsächlich: »Find the Family at home every Day in the Week from Twelve to Two o’clock…« Dort könne man die Talente des Wunderknaben dann eingehender prüfen. Jenes Neunjährigen also, der am Cembalo alles spielte, was man ihm gab, gern auch auf verhüllten Tasten. Sein Vater hatte das Inserat aufgegeben. »Mann muß von der gelegenheit profitiern«, fand Leopold Mozart. Und das tat er. Als die Familie nach fast dreieinhalb Jahren von ihrer Tournee durch Europa und England nach Salzburg heimkehrte, hatte Leopold einen Profit von bis zu 16500 Gulden gemacht. Ein komfortables Jahreseinkommen lag damals bei 1000 Gulden.

Von so viel Geld und Ruhm hatte der Handwerkersohn Leopold, bei allem Ehrgeiz, nicht zu träumen gewagt, als er, nach abgebrochenem Studium und enterbt, in Salzburg eine mittellose Frau heiratete und als mäßig bezahlter Musiker eine Familie gründete. Die atemberaubende Begabung seines Sohnes machte auch den Vater zum gefragten Mann. Seinen Wolfgang Amadeus, identisch mit der Erfüllung aller Wünsche, würde er nie wieder hergeben. In einem Brief an den 22-Jährigen nimmt das religiöse Züge an: »Niemand kann mich vom Tod erretten als du.« Er liebte ihn, schlachtete ihn aus und war abhängig von ihm in einem Maße, das den Sohn unendlich viel Kraft kostete. Das ist, kurz gefasst, die grundsätzliche These des wohl spannendsten, radikalsten Buches über Mozart seit Hildesheimers Großessay von 1977.

Als Mozart – A Life sorgt es seit zehn Jahren für beträchtlichen Seegang in Forschung und Rezeption – aber nicht im deutschsprachigen Raum. Maynard Solomon, 1930 in New York geboren, Musikologe an der Juillard School und in der maßgeblichen Musikenzyklopädie New Grove mit mehr als 30 Publikationen zur Klassik aufgeführt, passt mit seiner eleganten bis ironischen Sprache und seinem Interesse an der Komponistenpsyche schlecht zur deutschen Musikwissenschaft. Solomon zähle, befand kürzlich einer der Erlauchten des Fachs, nicht zu den »professionellen Musikwissenschaftlern«. Doch stärker noch als der Dünkel ist der Druck des anrückenden Mozartjubeljahres, das nach wirksamen Veröffentlichungen verlangt. Darum lässt sich jetzt endlich auch in deutscher Übersetzung prüfen, was es mit Solomons 650 Seiten auf sich hat.

»Der Mythos vom ewigen Kind« ist es, der ihn misstrauisch gemacht hat. Noch immer gilt Mozart vielen als einer, der nie wirklich erwachsen wurde. Selbst als mit dem Film Amadeus endgültig das Bild vom kindlich reinen Götterliebling zerbrach, blieb eine unreife Gestalt, und Amadeus- Autor Peter Shaffer selbst bezweifelte, »dass Mozart je für seine Kunst gelitten hat«. Die schlafwandlerische Sicherheit des Wunderkinds wird auch dem späten Mozart gern unterstellt, von dem sogar Hildesheimer behauptet: »Auf dem Gebiet der Vernunft war er so wenig heimisch wie in den Regionen menschlicher Bindungen.« Da hallt noch Hegel nach, der mit Blick auf Mozart musikalisches Genie für vereinbar hielt mit »bedeutender Dürftigkeit des Geistes und Charakters«. Aus ihnen allen aber spricht einer: Leopold.

Immer wieder, so belegt es Solomon mit zahlreichen Briefen, hat er dem Sohn unterstellt, zu nichts anderem als zur Musik fähig zu sein. Mit Gelddingen sei er überfordert, Frauen müsse er meiden. Die, denen Mozart nahe kam, waren für Leopold durchweg indiskutabel. Noch mit 22 Jahren durfte sein Sohn nicht allein auf Reisen gehen – was seine Mutter, die als Aufpasserin mitgeschickt wurde, schließlich das Leben kostete, als sie in Paris unter miserablen Bedingungen erkrankte. Leopold sah damit indessen die Fahrlässigkeit seines Sohnes als erwiesen an und warf ihm nicht nur den Tod der 57-Jährigen vor, sondern rechnete auch die Reisekosten auf, 863 Gulden, die Mozart nun schuldig sei und in Salzburg abarbeiten müsse. »Meine Schulden müssen bezahlt seyn, bey dem Empf: dieses [Briefes] wirst du abreisen«, befahl der Witwer.

Das war absurd. Leopold verschwieg, wie gut er die Einkünfte der Wunderkindertourneen angelegt hatte – eher lebte er von seinem Sohn als umgekehrt. Und während der im geliebten Mannheim gute Karrierechancen hatte, arrangierte er für ihn eine Anstellung in Salzburg. Abweichende Pläne waren »narrspossen« oder »lustige Träume«. Das wird noch grotesker, wenn man sich den Rang und Ruf klar macht, den Mozart als Komponist mit 22 Jahren schon erreicht hatte. Es wird aber verständlicher durch die »narzisstische Qual«, die Solomon bei Leopold diagnostiziert. »Er war bestrebt, Mozart von der Gründung einer eigenen Existenz abzuhalten, weil er, davon war er überzeugt, ohne Mozart selbst keine eigene Existenz besaß.« Es ist eine fast mehr Grauen als Mitleid erregende Gestalt, die der Autor da herausarbeitet.

Man könnte ihm entgegenhalten, dass Leopold ja auch der selbstbewusste Verfasser einer noch heute lesenswerten und weit beachteten Violinschule war, ein Mann von Witz und Beobachtungsgabe zudem, ein begabter Impresario, ein Vater, der wenigstens auf der Italienreise mit dem vierzehnjährigen Mozart noch voller Visionen und Weltlust war. Das unterschlägt Solomon aber auch gar nicht. Mozart hatte durchaus Gründe, den »Papa« zu lieben und entsetzlich zu leiden unter der Androhung des Liebesentzugs für den Fall, dass er eigene Wege gehen würde. Der Fall trat ein, im Eklat entwich Mozart dem Joch des Salzburger Erzbischofs gen Wien und schrieb verzweifelt dem Vater: »Ich bitte sie, ich bitte sie um alles in der welt stärcken sie mich in diesem Entschluß, anstatt daß sie mich davon abzubringen suchen. – sie machen mich unthätig…«