Lust Glück darf sein
Die Freunde des Tabaks haben endlich einen Anwalt
Anders als die ubiquitäre Rhetorik der Deregulierung vermuten lässt, leben wir in einer Zeit der eskalierenden Verbote. Sie kommen aber nicht vom Staat, sondern von der Gesellschaft. Es ist, als wollte sie die neoliberale Enthemmung der Wirtschaft durch übertriebene Gängelung und Ordnung des Alltags kompensieren. In Hamburg wird derzeit ein Rauchverbot auf Kinderspielplätzen erwogen; angeblich weil die weggeworfenen Kippen in den Sandkästen so gefährlich seien. Aber gesetzt den Fall, dies wäre wirklich so – warum verbietet man dann nicht das Wegwerfen der Kippen, sondern gleich das Rauchen überhaupt?
Mit dieser Frage ist man im Zentrum des überaus scharfsinnigen Buches von Imre von der Heydt, das sich an einer Kulturgeschichte der Tabakverbote versucht. Die modernen Antiraucherkampagnen haben nämlich einen beachtlichen historischen Vorlauf, der darauf schließen lässt, dass im Kern der Verbote nicht Sorge um die Gesundheit, sondern ein Ressentiment steckt. Es ist das Ressentiment gegen jede Form von Ausschweifung, Untüchtigkeit und mangelnde Lebensplanung, mit anderen Worten, gegen die vormodernen und taugenichtshaften Verhaltensrelikte, die dem Effizienzgebot der bürgerlichen Erwerbsgesellschaft zuwiderlaufen.
Mit einer gewissen vergnügten Beharrlichkeit weist der Autor nach, wie all die bekannten Argumente der Gesundheitsnachteile, Todesraten, volkswirtschaftlichen Schäden auf Milchmädchenrechnungen, logischen Widersprüchen oder demagagoischer Ausblendung konkurrierender Gefährdungen beruhen. Nennen wir nur den Autoverkehr. Mit Recht werden Unfallverursacher streng bestraft – aber wird deswegen das Auto verboten?
Als plausibler Kern bleibt von der Tabakfeindlichkeit nur der Verdacht gegen den Raucher, ein unzuverlässiger, querköpfiger, tendenziell asozialer Bürger, schlechter Untertan und aufsässiger Arbeitnehmer zu sein. Und in der Tat, der Raucher, wie ehrgeizig auch immer, geht niemals in irgendeiner Arbeit völlig auf – denn neben der Arbeit raucht er ja noch. Ein Stück von seinem Selbst entzieht er stets dem Staat, dem Arbeitgeber oder Ehepartner.
Man darf sich von dem apologetischen Titel (Rauchen Sie? – Verteidigung einer Leidenschaft) nicht in die Irre führen lassen. Der Autor dient nicht der Tabakindustrie, noch leugnet er das Ungesunde am Rauchen. Es handelt sich um eine klassische Diskursanalyse; aber aus dem Widerstreit der Argumente schält sich doch die philosophische Frage heraus, ob Gesundheit als letzter Wert behauptet werden kann, wenn die Frage nach dem Glück nicht gestellt wird, dem die Gesundheit dienen soll. Mit anderen Worten: Ob nicht am Ende die leidenschaftliche Vergeudung, die in jedem Zigarettenzug steckt, der Menschenwürde eher frommt als die ängstliche Erbsenzählerei einer Daseinsvorsorge, die gar nicht weiß, für welches Dasein sie eigentlich vorsorgt.
Rauchen Sie?LustVerteidigung einer LeidenschaftImre von der HeydtSachbuchBuchDuMont Verlag2005Köln17,90255- Datum 13.10.2005 - 14:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 13.10.2005 Nr.42
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