Natürlich liegt es nahe, zwischen Sex, Politik und dem Entstehen von Kindern einen Zusammenhang anzunehmen, nur ist der in Deutschland noch rätselhaft. Glückliche Franzosen, denen von ihrer Regierung, zusammengesetzt aus vielfachen Eltern, jetzt lebhaft zum dritten Kind geraten wird, mit dem Anreiz für Frauen, nach einem einjährigen respektablen Erziehungsgeld auf dem Arbeitsmarkt dringend gebraucht zu werden. Das heißt, staatlicherseits in die Betten hineinzuregieren, und die französische Öffentlichkeit hält dies nicht für Freiheitsberaubung, sondern für die legitime Aufgabe des Staates.

Den spezifisch deutschen Zusammenhang zwischen Kindern, Sex und Politik zu enträtseln wäre aber, angesichts der hiesigen Verhaltensauffälligkeit, auf Nachkommen weitgehend zu verzichten, ein nobelpreiswürdiges Vorhaben, wie der Familiensoziologe Hans Bertram einmal lakonisch bemerkt hat. Eben erst hat der Sozialstaatsexperte Franz-Xaver Kaufmann wieder die dramatische Forschungslücke beklagt, die er auch als eine Spätfolge der nationalsozialistischen Diskreditierung von Bevölkerungspolitik auffasst.

Also geht man jeder Spur dankbar nach, die Aufklärung verheißt, selbst wenn sie die gar nicht ausdrücklich verspricht. Eine solche Spur legt nun Dagmar Herzog, Professorin für Geschichte in New York, Jahrgang 1961, mit ihrer Untersuchung über die Politisierung der Lust (zuerst erschienen in der Princeton University Press), einer Geschichte der Sexualität im deutschen 20. Jahrhundert.

Die Lebhaftigkeit ihrer Diktion, das undogmatische Eingeständnis, dass viele Forschungsfragen offen bleiben, dass an diesem Thema alles vielschichtig ist und übrigens auch die unzeitgemäße Sympathie für die 68er, deren Blindheiten Herzog dennoch scharf kritisiert, könnten diese Lektüre fast angenehm machen. Nur fast – denn die Beklemmung über die nationalsozialistische Biopolitik und ihre Folgen verlässt einen beim Lesen nicht.

Wie Michel Foucault fasst Herzog die Sexualität als einen Schauplatz auf, in dem sich Machtbeziehungen besonders verdichten. Um Gründe für Kinderlosigkeit geht es ihr nicht. Und doch schleppt Herzog Bausteine einer Erklärung heran, die von Belang sein können. Vor allem zeigt diese Studie nämlich, wie machtvoll und verzerrend die Interpretationen der vergangenen Wirklichkeit in die Erinnerung und also ins Leben eingreifen. Man könnte auch sagen: wie besonders unfrei die Lust in die klebrigen Fäden des Diskurses verheddert ist. Falls es so etwas gäbe wie eine kollektive sexuelle Unschuld, sie wäre in Deutschland für lange Zeit aufs traurigste verloren gegangen.

Im Zentrum von Herzogs Untersuchung stehen die nationalsozialistische Sexualitätspolitik als Reaktion auf die liberale Weimarer Republik, dann die konservativen fünfziger Jahre in Westdeutschland, die sexuelle Revolution der sechziger Jahre und die realsozialistische Politisierung der Lust in der DDR. Wie viele ertragreiche Bücher ist auch dieses Buch ganz einfach: Es lässt sich von einer Entdeckung überraschen und im Weiteren von ihr leiten. So entstand eine Studie, die anregend ist, ohne Gewissheiten zu hinterlassen.

Die Entdeckung: Was die 68er über den Nationalsozialismus dachten, passt mit dessen Interpretation in den fünfziger Jahren auffällig nicht zusammen. In den fünfziger Jahren galt der Nationalsozialismus als sexuell unerträglich permissiv, also schien Sittenstrenge das Gebot der Stunde zu sein, um die Republik moralisch neu zu fundieren. Den 68ern hingegen galt der Nationalsozialismus als sexuell repressiv, als ein Regime unterdrückter Lust, also erschien vielen die sexuelle Befreiung als der gebotene Weg, die Republik von ihrer Vorgeschichte zu emanzipieren.