Mag sein, dass Robert Aumann selten aus dem Elfenbeinturm herausgefunden hat. Thomas Schelling hat ihn nie von innen gesehen. Gemeinsam bekommen sie den Nobelpreis für Ökonomie, weil sie entscheidende Grundlagen für die Spieltheorie – somit auch für deren Boom in den Wirtschaftswissenschaften und verwandten Disziplinen – geschaffen haben. Es wäre eine Freude zu sehen, wie die beiden Strategen über die Verteilung des Preisgeldes verhandelten, aber das teilt die Nobelpreisakademie schon auf. Thomas C. Schelling: Bei seinem ersten Auftritt nach Bekanntgabe der Nobelpreisgewinner BILD

"Spieltheorie" ist das etwas verunglückte Wort für die Untersuchung von Situationen, in denen sich die Akteure gegenseitig beeinflussen. Bei Spielen wie Skat oder Schach ist die Sache klar, daher die Bezeichnung für die Theorie, doch betrifft sie auch weite Teile des wirtschaftlichen Handelns, egal, ob nun zwei Oldtimer-Liebhaber um ein Sammlerstück feilschen, eine Hand voll Unternehmen ein Kartell bilden will oder Mitgliedsländer der EU den nächsten Finanzplan verabreden.

Robert Aumann (75), der in den USA studiert hat und dann nach Israel ging, hat vor allem ein mathematisches Fundament dafür gelegt – auf dem durchaus praktische Einsichten aufbauen. Zum Beispiel die, dass es eine entscheidende Rolle spielt, wie oft man sich im Leben wiedersieht. Wenn einige Unternehmer Preisabsprachen für nur eine Saison treffen, lohnt es sich für den Einzelnen, diesen Preis zu unterbieten. Das Kartell wird deshalb schnell instabil. Was aber, wenn sie Jahr für Jahr miteinander zu tun haben? Dann weiß auch der Skrupelloseste unter ihnen, dass er im nächsten Jahr die Quittung für das unkameradschaftliche Verhalten bekommen würde – und dass dann alle, auch er, unter sinkenden Preisen litten. Also bleibt er eher kooperativ, zum Nachteil der Kunden. Derselbe Mechanismus, der in diesem Beispiel zulasten des Gemeinwesens geht, kann Menschen auch dazu bringen, sich gegenseitig Nothilfe zu leisten.

Womit man mitten im Thema ist, das Aumann mit Schelling verbindet. Sie beleuchten eine zutiefst wichtige Weichenstellung – ob Menschen miteinander kooperieren oder gegeneinander agieren, ob Konflikte abgewendet oder ausgeweitet werden. Und was dabei für den Einzelnen und die Gesamtheit herauskommt.

Während Aumann bahnbrechende Formeln fand, hat Thomas Schelling (84) viele Phänomene des Alltags konsequent durchdacht. Der Kalifornier, der den Großteil seines Professorenlebens in Harvard lehrte, wirkt auf den ersten Blick skurril. Da kommt er etwa in den Hörsaal und fragt seine Studenten, warum die ersten Sitzreihen leer sind und alle Studenten säuberlich dahinter sitzen. Merkwürdiger Kauz, denkt man. Doch schon nach einigen Minuten ist zu merken: Hier geht es darum, wie aus individuellen Entscheidungen unerwartete Gruppenphänomene werden. "Das Wichtigste daran ist nicht, wie viele Leute sich gern umsetzen würden, nachdem sie das Ergebnis sehen", schreibt Schelling dazu, "entscheidend ist, dass eine gänzlich andere Verteilung vielen oder gar allen von ihnen besser gefallen hätte."

Oder er fragt im Dezember, ob es den Studenten auch so gehe, dass sie mehr Weihnachtskarten schreiben, als ihnen eigentlich lieb ist. Die meisten nicken – und finden bald heraus, warum sie in dieser Falle sitzen. Man wolle ja all denen schreiben, von denen eine Karte zu erwarten sei, und kein Sozialschwein sein, erklärt Schelling. Und wenn man vermutet, dass andere dem Chef eine Karte schreiben, will man auch nicht nachstehen. Also schreiben wir und schreiben wir, und die Weihnachtskartenindustrie freut sich.