Universum »Ideen sollten scheitern dürfen«Seite 3/3
ZEIT: Also nicht gerade der Alltagserfahrung zugänglich.
Smolin: Das nicht, aber sie können den Weg eines Lichtstrahls beeinflussen, der zehn Milliarden Jahre durchs All unterwegs war. Dieser Effekt ist messbar. So wie sich Wellenlänge und Frequenz eines Lichtstrahls zueinander verändern, wenn er durch Wasser scheint, wird Licht auch durch den gequantelten Raum beeinflusst.
ZEIT: Heißt das, es gibt für diese Theorie – anders als für die Stringtheorie – konkrete experimentelle Vorhersagen?
Smolin: Wenn man in kleinste Dimensionen vordringt, bis zur so genannten Planck-Skala, müsste man Abweichungen von Einsteins Relativitätstheorie sehen. Leider wissen wir noch nicht, ob man diese mit der Schleifen-Quantengravitation vorhersagen kann. Bestimmte Modelle tun dies zwar. Aber wir sind noch nicht so weit, dies als sicher verkünden zu können.
ZEIT: Vielleicht sind die 10 500 Versionen der Stringtheorie doch nicht so unsinnig? Manche Wissenschaftler behaupten ja, all diese Lösungen beschrieben die verschiedenen möglichen Universen.
Smolin: Es ist nett, solche Ideen zu präsentieren. Aber wir müssen darauf bestehen, sie testen – oder falsifizieren – zu können. Darauf beruht der Fortschritt der Wissenschaft in den vergangenen 400 Jahren. Wenn man eine theoretische Struktur hat, die nichts erklärt und nichts vorhersagt, hört man auf, Wissenschaft zu betreiben. Dann haben wir es mit der Gefahr von nicht überprüfbaren Theorien wie dem »Intelligent Design« zu tun.
ZEIT: Aber Stringtheorie und Schleifen-Quantengravitation klingen auch recht esoterisch. Das Einzige, was ihre Anhänger eint, ist der Glaube an den Big Bang. Können wir uns die beiden Lager vorstellen wie die katholische und die evangelische Kirche?
Smolin: Mir gefällt dieses Schubladendenken nicht. Es gehört zu den negativen Seiten der akademischen Welt und verleitet Leute dazu, sich mit großen Forschungsprogrammen zu identifizieren. Das ist schlecht für die Wissenschaft.
ZEIT: Aber in Ihren Vorträgen machen Sie sich ja auch über »diese Typen« lustig, die eine Theorie mit 10 500 Lösungen anbieten. Sie spielen mit.
Smolin: Meine ökumenischen Anstrengungen, um im Bild zu bleiben, wurden nicht gewürdigt. Ich werde als jemand gesehen, der ein rivalisierendes Forschungsprogramm verfolgt, egal wie viele Arbeiten ich in Stringtheorie veröffentliche. Stringtheoretiker zu sein ist mehr eine soziologische, keine intellektuelle Zuordnung. Man muss ein bestimmtes Set an Glaubensgrundsätzen verinnerlichen. Auch das ist leider eine Eigenheit der akademischen Welt.
Die Fragen stellte Max Rauner
- Datum 13.10.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 13.10.2005 Nr.42
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Hoppla, das war etwas schnell. Erstmal die beckmesserische Anmerkung, dass natuerlich 10 hoch 500 "Stringtheorien" gemeint sind, also eine 1 mit 500 Nullen. Das macht das Problem aber nur groesser.
Was in dem Interview nicht klar wird, ist dass das, worauf sich diese Zahl bezieht, die vermutete Zahl nicht von wirklich verschiedenen Stringtheorien sind, davon gibt es nach wie vor ein bis fuenf, je nach Zaehlung. Vielmehr handelt es sich dabei um die Zahl der stationaeren Zustaende in der Theorie.
Fuer so eine Zaehlung gibt es eine genaue Analogie aus dem taeglichen Leben: Die Elektrodynamik, beschrieben in den Maxwellgleichungen, ist die Theorie all solcher Phaenomene wie Magnetismus, Elektrezitaet, Licht und Radiowellen.
Nur ist es in den Grenzen der Theorie moeglich, jedes moegliche Lied im Radio zu uebertragen, die Elektrodynamik erlaubt sowohl Bach als auch Dieter Bohlen. Wenn das entsprechende Radioprogramm "in der Luft" zwischen Radiosender und -empfaenger ist, sind diese Radiowellen verschiedene Zustaende der Maxwellschen Theorie. Niemand wuerde sich darueber aufregen, dass es mindestens so viele Zustaende in der Maxwelltheorie gibt, wie es Lieder gibt.
Nur wenn man sich eine "Radiotheorie" erhofft, die vorhersagt, welches Lied erklingt, wenn ich mein Radio einschalte, wird man von der Maxwelltheorie enttaeuscht sein. Diese enthaelt naemlich mindestens so viele verschiedene Radiotheorien, wie es Lieder gibt.
Genauso ist es mit der Stringtheorie: Diese hat eben moeglicher Weise 10^500 Zustaende, aber sie sind eben nur die Zustaende einer einzigen Theorie. Nur als 'Teilchentheorien', die den Radiotheorien entsprechen, sind es entsprechend viele Theorien.
Umgekehrt ist, wenn ich recht informiert bin, der angebich messbare Effekt der Schleifentheorie eine Verletzung der sogenannten Dispersionsrelation, dh der Lorentzinvarianz der speziellen Relativitaetstheorie. Diese kommt dort zustande, weil diese Theorie die Symmetrie zwischen Raum und Zeit zerbricht. Es wuerde mich aber nicht ueberraschen, wenn dies ein "das Kind mit dem Bade wegwerfen" ist.
Alle diese Argumente und noch mehr gibt es in ausfuehrlicher in meinem Blog:
http://atdotde.blogger.com
insbesondere die beiden Artikel ueber meine Eindruecke von der Konferenz (The Others und folgender), die Radiotheorie wird im Artikel "Theory and Practice" erlaeutert (ist schon etwas aelter).
Viel Spass
Dr. Robert Helling
Physiker und zugegebener Massen Stringtheoretiker
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