Universum

»Ideen sollten scheitern dürfen«

Auf der Suche nach der Weltformel wird die Physik immer mehr zur Esoterik – ein Gespräch mit dem Physiker Lee Smolin

Seit Albert Einstein ist die Physik auf der Suche nach einer »Theorie für Alles«. Zwei Kandidaten gelten derzeit als vielversprechend: die Stringtheorie, der zufolge die Welt aus winzigen schwingenden Saiten aufgebaut ist, und die Schleifen-Quantengravitation (»loop quantum gravity«), die den geometrischen Raum als Verkettung winziger Quanten und Schleifen beschreibt. Beide Fraktionen haben sich wenig zu sagen. Am Albert-Einstein-Institut in Potsdam tagen in dieser Woche die Anhänger der Schleifen-Quantengravitation auf ihrer Jahreskonferenz LOOPS 05. Lee Smolin, Professor am Perimeter Institute of Theoretical Physics in Waterloo, Kanada, ist einer ihrer Protagonisten.

DIE ZEIT: Seit hundert Jahren versuchen Physiker die Weltformel zu finden. Warum dauert das so lange?

Lee Smolin: Vom Anfang des 19. Jahrhunderts bis Mitte der 1970er Jahre hat die Physik sich sehr schnell weiterentwickelt, Theorie und Experiment gingen Hand in Hand. Die letzte wichtige Entdeckung war das Standardmodell der Teilchenphysik um das Jahr 1974, das bald darauf bestätigt wurde. Seitdem gab es zwar faszinierende Entwicklungen, aber die meisten sind theoretischer Natur ohne Vorhersagen für Experimente. Theorie und Experiment haben den Kontakt verloren.

ZEIT: Woran liegt das?

Smolin: Als Einstein seine Theorien veröffentlichte, machte er stets Vorhersagen, die man experimentell überprüfen konnte, etwa zur Relativitätstheorie oder zur Theorie der Lichtquanten. Als Einstein entdeckte, dass seine Theorien auch die Existenz von »Gravitationslinsen« vorhersagten, publizierte er diese Ergebnisse erst gar nicht, weil er daran zweifelte, dass man sie experimentell bestätigen könnte. Es gab in der Wissenschaft ein ungeschriebenes Gesetz, dass man nur dann eine Theorie veröffentlicht, wenn sie zu überprüfbaren Beobachtungen führt. Das ist heute nicht mehr der Fall, wie die Stringtheorie zeigt.

ZEIT: Was haben Sie gegen die Stringtheorie?

Smolin: Wir wissen inzwischen, dass es von der Stringtheorie 10 500 unterschiedliche mögliche Versionen gibt, also praktisch unendlich viele. Die Theorie macht keine wie auch immer gearteten Vorhersagen. Die Stringtheorie steckt in einer Krise.

ZEIT: Die Zeitschrift Discover hat Sie den neuen Einstein genannt, weil Sie eine Alternative zur Stringtheorie mitentwickelt haben. Es gibt also Hoffnung.

Smolin: Zunächst mal mache ich mir Sorgen. Die Organisation von Wissenschaft in akademischen Institutionen verlangsamt den Fortschritt enorm, in Deutschland noch mehr als anderswo. Dazu braucht man nur zurückzublicken: Fast alle wichtigen Entdeckungen und Ideen kamen von Wissenschaftlern, die zwischen 20 und 30 Jahre alt waren. Aber was tun junge Forscher in einer hierarchisierten akademischen Welt, wenn sie Karriere machen wollen? Sie versuchen Leute zu beeindrucken, die zwei Generationen älter sind. Ein 25-Jähriger muss etwas leisten, was ein 65-jähriger Professor verstehen kann. Der wahre Fortschritt kommt aber nur dann, wenn junge Leute ihren eigenen Weg gehen.

ZEIT: Sie klingen ja wie ein Alt-68er. Wie jung sind Sie?

Smolin: Alt genug, um sagen zu können, dass ich die Physik seit 30 Jahren verfolge, was schon ziemlich unheimlich ist.

ZEIT: Wo würde Einstein heute landen?

Smolin: Er würde eine sehr gute Doktorarbeit schreiben, aber dann hätte er Schwierigkeiten. Vielleicht würde er an irgendeiner Universität Professor werden, aber jemand wie Einstein würde heute nicht an einer führenden Institution unterkommen. Das deutsche System ist sehr hierarchisch, und das führt dazu – in meinem Gebiet mit Sicherheit, aber bestimmt auch in anderen –, dass die Mehrheit der besten jungen deutschen Forscher außerhalb von Deutschland arbeitet. Da, wo man schneller vorankommt.

zeit : Aber es gibt in Deutschland doch die viel beschworene Freiheit der Forschung.

Smolin: Es gibt Forschungsprogramme, Fachbereiche und Forschungsanträge. Wenn man, wie damals Einstein, nicht an die Quantenphysik glaubt und seine Karriere darauf aufbauen möchte, jene Fragen zu beantworten, die die Quantenphysik offen lässt, dann ist das sehr, sehr schwer. Denn es gibt kein Forschungsprogramm, in dessen Rahmen man sich einordnen könnte.

ZEIT: Was schlagen Sie vor?

Smolin: Ideen sollten scheitern dürfen. Es besteht sonst die Gefahr, dass unproduktive Ideen unsterblich werden, wenn nur genügend Leute ihre Karriere darauf aufbauen.

ZEIT: Sie reden von der Stringtheorie.

Smolin: Das Problem ist das System. Aber in der Tat war die Stringtheorie sehr trendy, und ihre Anführer lassen keinen Zweifel daran, dass sie das Forschungsgebiet inhaltlich führen wollen und junge Leute ermutigen, bestimmte Dinge zu tun und andere zu lassen.

ZEIT: Sie selbst vertreten die Theorie der so genannten Schleifen-Quantengravitation. Was hat man darunter zu verstehen?

Smolin: Vor hundert Jahren glaubten die Menschen, Materie sei kontinuierlich. Dann erkannte man, nicht zuletzt durch Einstein, dass die Materie aus Atomen besteht. Ganz ähnlich wie damals kann man heute die Frage stellen, ob der Raum ein Kontinuum ist oder ob er nicht vielleicht auch aus kleinen diskreten Einheiten besteht. Genau das sagt die Schleifen-Quantengravitation: Wenn man zu den kleinsten Dimensionen vordringt, besteht die Geometrie aus winzigen – gequantelten – Einheiten, etwa Volumen- oder Oberflächeneinheiten.

ZEIT: Und wie kommen die Schleifen ins Spiel?

Smolin: Sie waren eine frühe Veranschaulichung dieser Struktur, eher eine Art Insiderwitz.

ZEIT: Wie klein sind die Raumkörnchen?

Smolin: Ungefähr 20 Größenordnungen kleiner als ein Atomkern.

ZEIT: Also nicht gerade der Alltagserfahrung zugänglich.

Smolin: Das nicht, aber sie können den Weg eines Lichtstrahls beeinflussen, der zehn Milliarden Jahre durchs All unterwegs war. Dieser Effekt ist messbar. So wie sich Wellenlänge und Frequenz eines Lichtstrahls zueinander verändern, wenn er durch Wasser scheint, wird Licht auch durch den gequantelten Raum beeinflusst.

ZEIT: Heißt das, es gibt für diese Theorie – anders als für die Stringtheorie – konkrete experimentelle Vorhersagen?

Smolin: Wenn man in kleinste Dimensionen vordringt, bis zur so genannten Planck-Skala, müsste man Abweichungen von Einsteins Relativitätstheorie sehen. Leider wissen wir noch nicht, ob man diese mit der Schleifen-Quantengravitation vorhersagen kann. Bestimmte Modelle tun dies zwar. Aber wir sind noch nicht so weit, dies als sicher verkünden zu können.

ZEIT: Vielleicht sind die 10 500 Versionen der Stringtheorie doch nicht so unsinnig? Manche Wissenschaftler behaupten ja, all diese Lösungen beschrieben die verschiedenen möglichen Universen.

Smolin: Es ist nett, solche Ideen zu präsentieren. Aber wir müssen darauf bestehen, sie testen – oder falsifizieren – zu können. Darauf beruht der Fortschritt der Wissenschaft in den vergangenen 400 Jahren. Wenn man eine theoretische Struktur hat, die nichts erklärt und nichts vorhersagt, hört man auf, Wissenschaft zu betreiben. Dann haben wir es mit der Gefahr von nicht überprüfbaren Theorien wie dem »Intelligent Design« zu tun.

ZEIT: Aber Stringtheorie und Schleifen-Quantengravitation klingen auch recht esoterisch. Das Einzige, was ihre Anhänger eint, ist der Glaube an den Big Bang. Können wir uns die beiden Lager vorstellen wie die katholische und die evangelische Kirche?

Smolin: Mir gefällt dieses Schubladendenken nicht. Es gehört zu den negativen Seiten der akademischen Welt und verleitet Leute dazu, sich mit großen Forschungsprogrammen zu identifizieren. Das ist schlecht für die Wissenschaft.

ZEIT: Aber in Ihren Vorträgen machen Sie sich ja auch über »diese Typen« lustig, die eine Theorie mit 10 500 Lösungen anbieten. Sie spielen mit.

Smolin: Meine ökumenischen Anstrengungen, um im Bild zu bleiben, wurden nicht gewürdigt. Ich werde als jemand gesehen, der ein rivalisierendes Forschungsprogramm verfolgt, egal wie viele Arbeiten ich in Stringtheorie veröffentliche. Stringtheoretiker zu sein ist mehr eine soziologische, keine intellektuelle Zuordnung. Man muss ein bestimmtes Set an Glaubensgrundsätzen verinnerlichen. Auch das ist leider eine Eigenheit der akademischen Welt.

Die Fragen stellte Max Rauner

 
Anzeige
Leser-Kommentare

  1. 1. Jaja

    Hoppla, das war etwas schnell. Erstmal die beckmesserische Anmerkung, dass natuerlich 10 hoch 500 "Stringtheorien" gemeint sind, also eine 1 mit 500 Nullen. Das macht das Problem aber nur groesser.

    Was in dem Interview nicht klar wird, ist dass das, worauf sich diese Zahl bezieht, die vermutete Zahl nicht von wirklich verschiedenen Stringtheorien sind, davon gibt es nach wie vor ein bis fuenf, je nach Zaehlung. Vielmehr handelt es sich dabei um die Zahl der stationaeren Zustaende in der Theorie.

    Fuer so eine Zaehlung gibt es eine genaue Analogie aus dem taeglichen Leben: Die Elektrodynamik, beschrieben in den Maxwellgleichungen, ist die Theorie all solcher Phaenomene wie Magnetismus, Elektrezitaet, Licht und Radiowellen.

    Nur ist es in den Grenzen der Theorie moeglich, jedes moegliche Lied im Radio zu uebertragen, die Elektrodynamik erlaubt sowohl Bach als auch Dieter Bohlen. Wenn das entsprechende Radioprogramm "in der Luft" zwischen Radiosender und -empfaenger ist, sind diese Radiowellen verschiedene Zustaende der Maxwellschen Theorie. Niemand wuerde sich darueber aufregen, dass es mindestens so viele Zustaende in der Maxwelltheorie gibt, wie es Lieder gibt.

    Nur wenn man sich eine "Radiotheorie" erhofft, die vorhersagt, welches Lied erklingt, wenn ich mein Radio einschalte, wird man von der Maxwelltheorie enttaeuscht sein. Diese enthaelt naemlich mindestens so viele verschiedene Radiotheorien, wie es Lieder gibt.

    Genauso ist es mit der Stringtheorie: Diese hat eben moeglicher Weise 10^500 Zustaende, aber sie sind eben nur die Zustaende einer einzigen Theorie. Nur als 'Teilchentheorien', die den Radiotheorien entsprechen, sind es entsprechend viele Theorien.

    Umgekehrt ist, wenn ich recht informiert bin, der angebich messbare Effekt der Schleifentheorie eine Verletzung der sogenannten Dispersionsrelation, dh der Lorentzinvarianz der speziellen Relativitaetstheorie. Diese kommt dort zustande, weil diese Theorie die Symmetrie zwischen Raum und Zeit zerbricht. Es wuerde mich aber nicht ueberraschen, wenn dies ein "das Kind mit dem Bade wegwerfen" ist.

    Alle diese Argumente und noch mehr gibt es in ausfuehrlicher in meinem Blog:

    http://atdotde.blogger.com

    insbesondere die beiden Artikel ueber meine Eindruecke von der Konferenz (The Others und folgender), die Radiotheorie wird im Artikel "Theory and Practice" erlaeutert (ist schon etwas aelter).

    Viel Spass
    Dr. Robert Helling
    Physiker und zugegebener Massen Stringtheoretiker

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service