Mit dem Sieg beim Turnier in der spanischen Stadt Linares im Februar dieses Jahres verabschiedete sich Garri Kasparow vom Turnierschach. Sein künftiges Ziel ist wohl die Präsidentschaft in Russland, mit der heftigen Opposition gegen Putin hat er jedenfalls schon begonnen. Sein Abschied war ein Schock für die Schachwelt, die diesen charismatischen, wenn auch höchst umstrittenen Mann vermissen wird.

In Linares, dieser hässlichen Industriestadt im Südosten Spaniens, feierte er seine größten Erfolge. Er selbst schreibt in New in Chess: »Für Linares und Schach gilt dasselbe wie für New York beim Showbusiness – wenn du es dort schaffst, schaffst du es überall.« Hier blendete ihn aber auch sein ungeheurer Ehrgeiz, als er gegen Judit Polgar eine Figur berührte und nicht zog.

Doch letztlich sollten dies und anderes nur Kratzer an diesem »Schachgott« bedeuten, um dessen Hinterlassenschaften sich die Mitstreiter wie um Reliquien balgen. So setzte sich vor der letzten Runde eines Turniers dort der Ukrainer Iwantschuk beim Mittagessen auf den Stuhl Kasparows, auf dass dessen Genius auf ihn übergehe. Der große Meister gewährte es huldvoll, Iwantschuk gewann die Partie folgerichtig.

Zurück zum Februar 2005. Beim Abschiedsessen fragte ihn der Inder Viswanathan Anand, ob dies sein letztes »Abendmahl« mit ihnen wäre, worauf er antwortete: »Letztes Abendmahl – heißt das, dass eine Kreuzigung folgt?« – »Warum Kreuzigung«, antwortete Anand, »und keine russische Kugel?«

Nun, bisher wurde Kasparow bei seinen Protesten gegen Putin lediglich von einem wütenden Anhänger ausgerechnet mit einem Schachbrett getroffen. Gott sei Dank war es kein Mattangriff. Doch Anands Frage zielte darauf, ob er als Besucher nach Linares zurückkäme, weil er gern dessen Suite im Hotel Anibal übernehmen wollte. Schließlich werden mit Kasparows Weggang die anderen Spieler promoviert.

So dreht sich die (Schach-)Welt also weiter, wir werfen aber noch einmal einen nostalgischen Blick zurück zu Kasparow und »seinem« Linares. Sehen Sie, mit welch wuchtigem Schlag er 2002 als Weißer gegen den damals frisch gebackenen Fide-Weltmeister Ponomarjow gewann und sich so den Turniersieg vor diesem, Iwantschuk und Anand sicherte?