Ein Sportplatz in Barsinghausen. Freitagnachmittag. Vorhin, als die jungen Männer im Schulungsraum saßen, schien die Sonne, jetzt sollen sie laufen, und es regnet in Strömen. Drei Läufe, von denen die Karriere abhängt, 2700 Meter, 200Meter und 50 Meter, der so genannte Cooper-Test. Die Zeiten sind vorgegeben: 12 Minuten, 32 Sekunden, 8 Sekunden; wer langsamer ist, kann seine Sachen packen und, zwei Stunden nachdem er angekommen ist, wieder nach Hause fahren, während die anderen in der Sportschule Barsinghausen bleiben dürfen, dem Sitz des niedersächsischen Landesverbandes, beim Förderlehrgang für Nachwuchsschiedsrichter. Einige sind etwas nervös, sie laufen neben der roten Tartanbahn auf und ab, die meisten aber schnüren in Ruhe ihre Turnschuhe und gehen zur Startlinie. Schließlich sind es diese jungen Männer, die vielleicht irgendwann mal zum Kader der Spitzenschiedsrichter gehören, die in der Fußballbundesliga pfeifen oder sogar international.

»Guck mal, wie der Osmers läuft, da lacht das Herz, ein toller Laufstil«, sagt Bernd Domurat, der Leiter, der abseits auf einer Bank sitzt und den 21Läufern zuschaut. Sie sind aus allen Kreisen Niedersachsens angereist, aus Peine, Diepholz, Bentheim. Sie sind zwischen 17 und 25 Jahre alt, die meisten pfeifen schon in der Bezirks- oder Landesliga. Und wie man sie laufen sieht, einige locker, andere mit gequälten Gesichtern, fragt man sich, was man sich jedes Mal fragt, wenn man im Fernsehen sieht, wie sich der geballte Zorn von Spielern, Trainern und Zuschauern auf den Schiedsrichter entlädt, weil er einen Elfmeter gegeben oder nicht gegeben hat: Warum tun sie sich das an? Wo ist der Reiz, sich von 50000 Zuschauern auspfeifen zu lassen? Der Wunsch nach Anerkennung ist es wohl kaum. Wann kommt es schon mal vor, dass ein Schiedsrichter gelobt wird? Tun sie es des Geldes wegen? 3000 Euro bekommt ein Referee für ein Erstligaspiel, 1500 in der Zweiten Liga. Die wenigsten aber werden jemals so weit kommen. Die Realität sieht anders aus: 30 Euro plus Fahrtkosten. Ob ein Schiedsrichter es jemals in die Bundesliga schafft, ist mehr als fraglich. »Die Regionalliga«, sagt Bernd Domurat, »ist ein erreichbares Ziel, die Fifa eher utopisch.«

10000 Schiedsrichter gibt es in Niedersachsen, 80000 in Deutschland – 20 von ihnen pfeifen in der Ersten Liga. Da ist es leichter, Profifußballer zu werden. Im Herrenbereich gibt es 17Spielklassen, die ein Schiedsrichter durchlaufen muss. Selbst wenn es schnell geht, dauert das zehn bis zwölf Jahre. Was sind das für junge Männer, die sich das antun? Auf den ersten Blick: Männer wie Tausende andere auch. Als sie vorhin in der Vorstellungsrunde über sich erzählen sollten, sprachen sie von ihren Berufen, dass sie Studenten seien, Bankkaufleute, Zivildienstleistende. Alle antworteten auf die Frage »Wo pfeife ich in drei Jahren?« sehr bescheiden: Niedersachsenliga, Landesliga. Später, in kleiner Runde, sagt einer: »Natürlich ist es ein Traum, in der Ersten Liga zu pfeifen, aber das traut man sich nicht zu sagen, das klingt zu abgehoben.« Keiner will arrogant wirken. Es ist der Charakter der jungen Männer, auf den Kursleiter Domurat stolz ist, eine Mischung aus Bescheidenheit und Höflichkeit. »Schiedsrichter sollten untadelig und unangreifbar sein, korrekt und fair. Wir versuchen, ihnen das beizubringen«, sagt er. Dem 21-jährigen Harm Osmers, der in seinem Kreis Schiedsrichter des Jahres wurde, gratuliert er mit den Worten: »Geh vernünftig mit der Ehrung um.«

Wieso hat Hoyzer betrogen? Er war doch ganz oben

»Seit dem Hoyzer-Skandal«, sagt Wolfgang Mierswa, Vorsitzender des Verbands-Schiedsrichter-Ausschusses, »wird die Persönlichkeit immer wichtiger.« Das ist die Lehre, die der Deutsche Fußball-Bund gezogen hat. Referees, die in der A-Junioren-Bundesliga pfeifen, haben Coaches bekommen. Können auf dem Platz allein reicht nicht mehr aus, schließlich galt Robert Hoyzer als eines der größten Talente in Deutschland, mit 23 hatte er in der Zweiten Liga gepfiffen. Es war sein Charakter, der nicht gepasst hat, der ihn schwach werden ließ für Geld und Plasmafernseher.

Letztlich aber, so scheint es hier, ist Hoyzer schon wieder weit weg, ein Thema am Rande. Lennart Dornieden aus dem Emsland erzählt, in den untersten Klassen rufe der eine oder andere Zuschauer mal: »Du Hoyzer!«, aber eher selten. Und Markus Büsing aus Osnabrück stellt die Frage, die die meisten mehr beschäftigt als jene nach den Folgen des Skandals: Warum hat Hoyzer Spiele verschoben? Er hatte doch erreicht, was nur wenige erreichen! Er war dem großen Traum so nahe, die Erste Liga war für ihn nur eine Frage der Zeit. Er hatte alles hinter sich. Die Jahre in der Provinz. Viele beenden ihre Karriere in der Kreisklasse, weil sie keine Lust haben, immer angemacht zu werden. »An der Basis haben wir extreme Probleme«, sagt Mierswa. Es kommt vor, dass nicht genügend Schiedsrichter da sind und die Vereine selbst jemanden organisieren müssen, der ihr Spiel leitet.

»Man denkt manchmal, ich will euch doch nichts Böses«, sagt Markus Büsing. Am schlimmsten seien die Eltern, sagt er. Väter, die glauben, ihr Sohn sei zu Unrecht verwarnt worden. Büsing musste schon mal die Eltern eines Spielers aus der Halle werfen lassen, weil sie ihn beschimpften mit Ausdrücken, die er nicht wiederholen mag. Er hatte ihren Sohn nach einer Attacke auf den gegnerischen Torwart vom Platz gestellt. »Der Schiedsrichter ist keine Amtsautorität mehr«, sagt Mierswa. Er erklärt dies mit einer gesellschaftlichen Entwicklung, die dazu geführt habe, dass Autoritäten eher infrage gestellt würden als vor einigen Jahren.