Die Sonne steht am Himmel wie ein Teller Milchsuppe. Es ist heiß in den Wudang-Bergen und diesig. "Noch einmal", sagt Meister Tian Liyang und lässt in seiner rechten Hand das Schwert wirbeln wie ein Windrad im Sturm. So anmutig und leicht sieht es aus, dass ich denke, "Das kann ich locker". Doch zwei Sekunden später kommt es mir so vor, als sei an meinem Arm ein Holzgelenk festgeschraubt. Meister Tian Liyang BILD

Seit zehn Jahren übe ich das Schattenboxen in Deutschland, aber hier in den Bergen in Zentralchina werde ich in meine erste Stunde zurückversetzt. Für zwei Wochen habe ich mich in der Kampfkunstschule des Meisters Tian Liyang eingemietet, um zu erfahren, wie sich das Tai Chi im Ursprungsland von dem im Westen unterscheidet.

"Denk an den Faden am Kopf, der dich am Himmel festhält", bedeutet mir Meister Tian Liyang und führt seinen Zeigefinger von meinem Scheitelpunkt zu den Wolken. Der Meister trägt einen weiten Tai-Chi-Anzug, Zopf und Stirnband halten die langen schwarzen Haare zusammen. "Noch einmal", sagt er auf Deutsch, ansonsten verständigen wir uns mit Gesten. Meister Tian Liyang tippt auf meine Füße, wippt in den Knien und zeichnet meinen Blutkreislauf nach. "Verwurzele dich tief in der Erde, und lass das Chi durch den Körper fließen", heißt das. Bei mir fließt der Schweiß.

Was ist bloß immer wieder so schön daran, sich, gen Norden blickend, aufzustellen und in Zeitlupe "den Affen abzuwehren" oder "den Fächer auszubreiten"? Was bringt einen dazu, immer wieder eine Folge genau vorgeschriebener Bewegungen, die alle eine kurze Geschichte erzählen, in die vier Himmelsrichtungen auszuführen, bis man wieder am Ausgangspunkt ankommt?

Tai Chi wirkt wie eine Prophylaxe. Die langsamen Bewegungen kräftigen die Lunge und das Herz. Vor allem aber wird durch die Konzentration auf immer die selben Abläufe der Geist trainiert. Tai Chi basiert auf der Philosophie des Daoismus. Die Daoisten kennen die polaren Kräfte Yin und Yang, die sich aneinander schmiegen und in ihrem Gegensatz zum Kreis ergänzen. Weiblich und männlich, Erde und Himmel. Das Weiche besiegt das Harte. "Darum geht es beim Tai Chi", erklärt mir Meister Tian Liyang. "Den Angriff eines aggressiven Gegners lässt man sanft ins Leere laufen." Das höchste Ziel ist die Unsterblichkeit.

Der Weg dahin ist mühsam. 20 Stunden dauert die Zugfahrt von Shanghai nach Wudangshan im "Hardsleeper", in einem rollenden Schlafsaal mit 66 dreistöckigen Betten pro Waggon, Männer und Frauen beisammen. Dann taucht in einer Landschaft aus sattem Grün Meister Tian Liyangs Schule auf. Sie liegt an einem Hang und strahlt wie ein Tempel Ruhe und Geborgenheit aus. Außer mir hat noch ein weiterer deutscher Gast den Weg auf sich genommen: Heidrun, Sportlehrerin aus Bonn. Wir zwei sind die einzigen Ausländer.

Unsere Zimmer sind bequem eingerichtet mit eigenem Bad und sogar mit Fernseher. Die acht chinesischen Schüler von Meister Tian Liyang leben spartanischer: zwei Schlafsäle mit Etagenbetten aus Holz und Bambusmatten. Die Türen der insgesamt acht Räume führen auf den Innenhof und stehen tagsüber offen. Drei Jahre dauert die Ausbildung zum Tai-Chi-Lehrer, und sie beginnt jeden Morgen früh um fünf. Die Lehrlinge werden mit der Trillerpfeife geweckt. Nach Größe sortiert, joggen sie in einer Reihe zum nahe gelegenen Friedhof, um dort bei Sonnenaufgang in Anwesenheit der Seelen zu meditieren. Danach stehen Putzen, Wäsche waschen oder Gartenarbeit auf dem Programm und das tägliche Tai Chi. Heidrun und mir gilt erst der zweite Pfiff um sieben. Geübt wird draußen vormittags und nachmittags, zwei Stunden lang jeweils.