Der Limes-Effekt
Der Ost-West-Konflikt wird maßlos überschätzt – die wahre innerdeutsche Grenze war schon immer die zwischen Norden und Süden
Am Abend des 18. September erschien auf den Bildschirmen im ganzen Land die Wahrheit über dasselbe. Sie erschien in Gestalt einer neuen, zugleich aber uralten und gerade darum so verblüffenden Deutschlandkarte, und sie lautete: Die wahre innerdeutsche Grenze ist nicht die ost-westliche, um die wir so viel Gedöns machen – es ist der Limes.
Immer wenn es neue Zahlen aus den Wahllokalen gab, wurde an jenem Abend diese Deutschlandkarte zugeschaltet. Ihre einfache, klare Botschaft fuhr alle paar Minuten in die sprachlose Rede der Politiker. Was die Karte zeigte, war ein genau in der Mitte – aber eben waagerecht, nicht senkrecht! – geteiltes Land. Der Süden hatte geschlossen schwarz gewählt, Sachsen inklusive, und der Norden geschlossen rot, der Rest des Ostens auch. Wir staunten. Ost und West? Davon wusste die Karte nichts. Das gab es ab 18 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit nicht mehr.
Wo war er nur geblieben, unser lieber Talk-Gast auf allen Kanälen, unser nationaler Quatschkopf und Doppelgänger: Herr Ossi-Wessi – das ganze triefäugige, tränensackige Ost-West-Gemaunze? So viele Pseudodebatten, so viel Gysi-Kabarett, so viel PDS-Astrologie – fünfzehn Jahre lang. Wenn wir ehrlich sind: Es hat uns schon länger gelangweilt. Irgendetwas daran stimmte nicht. Berührte nicht. Hatten wir denn keine anderen Sorgen?
Die alt-neue Waagerechte, die am Wahlabend auf dem Bildschirm erschien, zog einen Strich unter das alles. Schon im ersten Überraschungsmoment verwies sie das versierte Ost-West-Gerede an die Peripherie. Falls die CDU erwartet haben sollte, mit einer Kandidatin aus dem Osten ebendort abzuräumen, so wurde sie bitter enttäuscht. Und auch auf der anderen Seite des politischen Spektrums funktionierte das Ost-West-Kalkül nicht mehr. Mit dem Verschwinden der PDS in einer gesamtdeutschen Linkspartei stand eine pur ostige Heimatschutzpartei nicht länger zur Wahl.
Die Deutschlandkarte vom Wahlabend ist eine schöne, irgendwie befreiende Meditationsvorlage. Konzentrieren wir uns darauf. Schauen wir einen Moment lang auf eine verachtete Spezies – den Massentouristen. Auf seinen Instinkt ist mehr Verlass als auf Demoskopen. Wer Frankreich sehen will, besucht ja auch nicht die nördlichen Gegenden an der belgischen Grenze, er fährt nach Paris, Avignon, St. Tropez. All die Japaner und Amerikaner, die sich durch Heidelberg schieben und durch Ludwigs Schlösser, haben wenig Zeit für Deutschland, und sie tun ganz richtig daran, ihre paar Stunden nicht in Kiel und Hannover zu verbringen.
Wem das zu vulgär ist, der lese den Bericht des letzten großen Deutschlandreisenden vor dem Untergang, eines Engländers. Im Alter von 18 Jahren machte sich, nachdem er an allen Schulen gescheitert war, Patrick Leigh Fermor am 9. Dezember 1933 auf, zu Fuß vom Hoek von Holland nach Konstantinopel zu wandern.
Sein wunderbarer Reisebericht ist eben auf Deutsch erschienen – ein Zeitfenster, unerwartet aufgestoßen in ein wunderliches, erstaunlich gastfreundliches, immer sangesfreudiges; ein innig christliches, erfrischend proletarisches, bürgerlich-modernes und manchmal noch ganz mittelalterliches, leider ab und zu von SA-Männergruppen durchbrülltes Deutschland ohne jede Ahnung vom baldigen Untergang. Am Heiligen Abend ist Fermor am Rhein unterwegs, Burg um Burg passiert er und kommt nach Koblenz – damals ein heiler Ort und ein Übergang. »Es war eine muntere Stadt unter klarem Himmel; alles an dieser Luft verriet mir, daß ich das Flachland weit hinter mir gelassen hatte. Zwei weitere Grenzen hatte ich überschritten, und wichtige dazu: der Akzent war anders, und es gab Weinkeller statt der Bierlokale. Statt der urtümlichen grauen Krüge glitzerten Gläser auf den Eichenbrettern.«
Düstere Bierlokale im Norden, heitere Weinstuben im Süden
Gläser und Weine, deren dunkelgoldene und hellsilberne Farbenspiele Fermor nicht müde wird zu beschreiben. Der Mann aus dem Londoner Nebel saugt sie mit den Augen ein und mit den Lippen natürlich auch. »Mit nur ein paar Schlucken konnte man die beiden großen Flüsse der Stadt erkunden und sich weitertrinken bis an die Donau, durch ganz Schwaben, Franken kennenlernen, ohne dass man je da gewesen war, das Imhoftal und die fernen Hänge von Würzburg.«
Aber sein Blick versinkt nicht im Wein, wach registriert er die Veränderung unterwegs – den Übergang vom Norden zum Süden. »Auch hier gab es an den Wänden Sinnsprüche in Frakturschrift, aber sie waren freundlicher, ohne jede Spur der düsteren, ernsthaften Ermahnungen in den Bierlokalen des Nordens. Und auch stilistisch waren sie angenehmer, weniger nachdrücklich, dafür klarer und lakonischer, trostreich und doch auch profund; jedenfalls kamen sie mir so vor, als die Stunden verstrichen. Glaub, was wahr ist, ermahnte mich die Botschaft auf einer Wand voller Hirschgeweihe, Lieb, was rar ist, Trink, was klar ist . Erst als ich zu meinem Bett stolperte, merkte ich, wie sehr ich diesen Spruch beherzigt hatte.«
Und heute? Diese Dinge sind immer noch so, sie haben alle Untergänge überlebt. Noch immer wird in den ernsthaften Bierlokalen des Nordens über »Themen« geredet, und im tiefen Süden wird im Wirtshaus Volkstheater gespielt. Ein heiterer Unernst herrscht vor. Im Osten ist man gern ehrlich, im Norden schätzt man ein gutes Gespräch – der Süden will doch nur spielen.
Im Kartensaal der Berliner Staatsbibliothek gibt es eine Deutschlandkarte, auf der die Stärke der politischen Parteien im ausgehenden Kaiserreich dargestellt ist. Auf ihr ist Deutschland dreigeteilt. Da ist der altkonservative, junkerliche, original ostelbische Osten – der weitgehend verlorene. Dann zeigt die Karte den klassischen Westen, also das Rheinland, und den Süden, fest in katholischer Hand; hier wird Zentrum gewählt. Dazwischen die rote Mitte von Hamburg übers Ruhrgebiet und Hessen-Süd. Schlesien teilen sich ziemlich gerecht Preußens Sozis und das restkatholische Zentrum.
Säße man mit Fermor beim Wein, würde man jetzt erleuchtete Mutmaßungen anstellen über den Zusammenhang von Politik und Trank, denn diese politische Dreiteilung ist so ziemlich deckungsgleich mit der deutschen Teilung in ein westliches Weinland, ein ostelbisches Schnapsland und die breite, bierige Mitte von Jever bis zum Hofbräuhaus, in dem Fermor einen Höhepunkt seiner Wanderschaft erlebte.
Das alles ist altgeprägt, es ist in den Landschaften und Dialekten, es steckt in München und in Hamburg, mögen die Zeiten noch so modern und die Shops noch so hip sein. Dunkelblauer Blazer des Nordens (ein Echo der Kapitäns-Ästhetik und der hanseatischen Englandsehnsucht) gegen südlichen Loden (ein Jodler zum Anziehen); herziges Dekolleté bis hinauf in den Adel gegen bürgerliche Perlenkette an Bluse (Nouvelle Cuisine zum Anziehen). Hier die wohlerzogene Perfektion der Angestellten der Herrenausstatter am Jungfernstieg, dort die systematischen Verstöße des Personals in Münchner Edel-Bars gegen das Fraternisierungsverbot mit den Gästen, die man beim Kosenamen nennt. Man kann das Spiel unendlich weitertreiben. Bayerische Lüftlmalerei gegen Berliner Graffiti. Die sack-und-aschene Selbstkritik der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Ruine gegen die Bilderlust und Pracht aller Wieskirchen zwischen Amorbach und Passau.
Nichts für ungut, Herr Ossi-Wessi, aber Nord und Süd, das sind die stärkeren Farben. Starke Pole, zwischen denen es wirklich funkt. Die geistig-mentale Wasserscheide, die jene Karte am Wahlabend uns vor Augen hielt – das sind wir, wie wir eben sind. Das ist Deutschland. So war es, so ist es, so wird es morgen sein. Wenn Energie aus Spannung kommt, dann hat diese zweitausendjährige Spannung Deutschland immer ausgemacht: das lateinische versus das arminische; das karolingische gegen das sächsische; das katholische gegen das lutherische; Preußen gegen den Rest.
Und wo bleibt der Osten? Wie jeder weiß und stillschweigend voraussetzt, ist der klassische deutsche Osten gar nicht gemeint. Was wir heute »den Osten« nennen, ist halb ostelbisch, halb klassische deutsche Mitte. Dieser Osten ist eine Quiche, zeitweilig zusammengebacken durch politischen und militärischen Zwang.
40 Jahre haben die Deutschen auf der globalen Ost-West-Wippe gehockt
Die Wahrheit ist, es gibt keine Ost-Identität, ebenso wenig wie es eine westdeutsche Identität gibt, entgegen allen Trabi- und Blauhemd- und Nutella-Nostalgien und Bestsellern. Selige Erinnerungen an Puhdys-Platten und Schwoof im Palast der Republik; die erste Tramptour nach Bulgarien – ja, die gibt es. Die gibt es immer. Schnappschüsse eines Lebens. Erinnerungen mit Eselsohren. Langsam vergilbende Poesiealben, wie sie jede Generation mit sich trägt, jeder Abiturjahrgang, jede ehemalige Jugend der Welt. Im Westen war es der Beat-Club. Der erste Käfer. Na und?
Identität ist etwas anderes. Identität ist, wenn Iren, in dritter, vierter Generation in den USA lebend und ansonsten ganz vernünftige Amerikaner, es nicht übers Herz bringen, nein zu sagen, wenn wieder für die IRA gesammelt wird; so hat die Untergrundarmee ihren verrückten Kampf auf der grünen Insel lange finanziert, mit den Kollekten aus der irisch-amerikanischen Diaspora.
Identität ist, wenn der Maler aus Deutschland, der seit so vielen Jahrzehnten in Jerusalem lebt, immer noch expressionistische Weser-Landschaften malt, weil er einmal dort herkam.
Mit einem Wort, Identität ist kein Spielzeug, keiner sucht sie sich aus, so en passant auf dem Weg durch die Schulzeit. Sie kann weh tun, tragisch verlaufen, man kann sie verfluchen, das ändert alles nichts. Man hat sie oder hat sie nicht. Sie hat einen. Man trägt es in sich, unter der Haut. Billiger ist das abgedroschene Wort nicht zu haben.
Und wenn tapfer kulturkritische Neudeutsche, die sehr stolz darauf sind, dergleichen nicht nötig zu haben, über Weihnachten auf die Seychellen fliehen, dann ist auch das Identität – ex negativo. Sie bezeugen, wie sehr ihnen das Wasserzeichen des Christbaums eingeprägt ist, den sie als Kitsch verspotten. Pfeifen im Wald. Sie pfeifen so sehr, dass sie abhauen müssen, wenn wieder der Baum droht.
Identität kann sogar erfolgreich erfunden werden. Man muss nur ein, zwei Jahrhunderte daran festhalten. Gustav Seibt hat einmal beschrieben, wie das bayerische Trachtentum, das Nichtbayern wie Abertausenden amerikanischer und japanischer Touristen als Urbild identischen Heimischseins vorkommt, durch bayerische Könige des 19. Jahrhunderts inszeniert wurde, die begriffen, dass sie ihrem disparaten Land ein Selbstbild geben mussten. Sie haben ihrem Volk die Lederhose angezogen und ihm den Sepplhut aufgesetzt.
Die Deutschen nach dem Kriege hatten sich daran gewöhnt, ein ost-westlich gespaltenes Land zu sein. So sahen uns die anderen, so sahen wir uns selbst, ganz gleich, auf welcher Seite jenes schwer befestigten Drahtverhaus wir lebten, der vierzig Jahre lang mitten durchs Land lief. Der Osten und der Westen, das war über Nacht die neue, entscheidende Achse geworden, als unsere Eltern und Großeltern halb betäubt aus den Trümmern krochen, und sie sollte es lange bleiben. Aber was heißt das: lange? Dreißig, vierzig Jahre lang – gerade mal eine Generation – haben die Deutschen auf der unbewegten Mitte dieser globalen Wippe gehockt und gehofft, dass sie nicht atomar explodieren würde. Wir wären als Erste dran gewesen.
Als im Herbst 1989 die härteste und verwunschenste Grenze der Welt und damit ihr ganzes Koordinatensystem mit einem leisen »puff« implodierte, war es leicht gefallen, die vermutlich größte nationale Anstrengung aller Zeiten zu mobilisieren: märchenhafte finanzielle Ressourcen, um das östliche Drittel des Landes auf Westniveau zu stemmen.
Trotzdem. Um all die artigen, hübsch paritätischen Ost-West-Podiumsdiskussionen und sensiblen Ost-Erkundungen war etwas Bemühtes. Als müsse man das Thema erst aus seiner Harmlosigkeit aufwecken, auftakeln, schminken, um es einigermaßen interessant zu finden. Diese Aura des Stubentigerhaften wurde der kleine, gehätschelte Herr Ossi-Wessi nie los. Vielleicht lag es daran, dass – während er im Fernsehen über Ost-West-Befindlichkeit parlierte – still und stet jene märchenhaften Transfersummen flossen. Jeder wusste das. Keinem ging es wirklich schlecht. Nicht selten kam es zu absurder Verschwendung der westlicherseits aufgenötigten Mittel. Völlig überdimensionale Kanalisationsbauten, golfstaatenartige Beleuchtungsexzesse auf dem märkischen Dorfe. So etwas ist nicht geeignet, die nötige Rage in Talkshows zu bringen.
Die Mauer, die Teilung? Nicht mehr als eine Episode, ein Spuk
Vielleicht lag es aber auch am Thema selbst, dass es nicht recht zündete. Ja gut, Deutschland war geteilt. Ja gut, nun ist es wieder heil. Ja, es gab Tote, nicht wenige. Biografien wurden zerstört, noch viele mehr. Alles wahr. Und doch war die Mauer und war die ganze Trostlosigkeit, die sie beschirmte, und war die ganze westdeutsche Verlegenheit dem gegenüber – war das alles nur eine zeitweilige Künstlichkeit, bitter, auch böse, aber letztlich unbedeutend. Letztlich ein Spuk. Eine Episode in einer langen Geschichte. Man darf darüber lachen.
Was bleibt denn nun – außer dass die Wunden langsam verheilen, ein Hungertrieb der Geschichte austrocknet und abstirbt, sich alles auswächst? Ein Ost-West-Paradigma jedenfalls bleibt nicht. Kein griffiges Ding, um uns selbst und anderen Deutschland zu erklären.
Vergessen wir die liebe Marotte, Deutschland als ein Gebilde zu betrachten, das aus Ost und West besteht und dessen größtes Problem darin liegt, diese beiden Teile ins Lot zu bringen. Um Norden und Süden geht es. Die müssen nicht ins Lot gebracht werden. Die lachen über das Lot. Es ist ja gerade ihr Unterschied, den wir lieben. Und nicht nur wir.
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- Quelle (c) DIE ZEIT 13.10.2005 Nr.42
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