Auf der Bühne: jüdische Künstler, den gelben Stern auf der Brust. Im Saal, erste Reihe, der Nazikommandant mit seinen Schergen. Oben und unten: reine Freude. Solche Verse, schmissig als Schlager gesungen, hört man gern: Aber was einer ist, was einer tut / Ob es ein Christ oder ein Jud' / Ob er jung oder alt, ob er groß oder klein: / Alles muß sein: hundertprozentig! So muss es sein im Reich des Führers.

Wir sind, 1943, im niederländischen KZ Westerbork. Im Begleitheft gibt es ein doppelseitiges Foto: Man glaubt nicht, was man sieht. Strahlende junge Frauen, Männer wie nach einer Musical-Aufführung. So lange hatten sie überlebt! Unten klatscht ein von der leichten Muse animierter Mörder, der seinen Künstlern das Bühnenbild aus der nächsten Synagoge requiriert, die Stoffe für Kostüme aus Amsterdam besorgt hat, mit Polizeibefehl.

Wenig später sind die fröhlichen Musikanten tot. In Auschwitz vergast. Der SS-Freund der Künste - verzehrt seine Rente? Dies ist eines der quälenden, gespenstischen Hörbücher der letzten Zeit. Die Nazis erlauben ein gewisses Kulturleben für (noch lebende) Juden in Deutschland. Der Staat will den Eindruck erwecken: Den Juden in Deutschland geht's doch gut, können ihre Stücke spielen - wenn auch arische Dichter, Goethe und Schiller, verboten sind. Natürlich schimpfen jüdische Künstler gegen diesen von Nazis geschneiderten Kulturbund. Tucholsky, im schwedischen Exil, ist entsetzt: Nebbich - sein tödliches Urteil.

Wie dürften wir Nachgeborene an Entscheidungen zweifeln, die Menschen, in Todesnot, für richtig hielten. Selbstbestätigung? Trost für Verzweifelte?

Dieses wichtige - auch: schöne - traurige, aber Mut machende Hörbild von Volker Kühn (mit Judy Winter, Katherina Lange, Cathlen Gawlich, Ilja Richter) enthält auch ein erschütterndes Dokument, die einzige historische Aufnahme: 1935 singt der berühmte und geliebte Kabarettist Willy Rosen im Keller einer Synagoge sein Lied Dort in Hawaii hab' ich mein Herz verloren. In Auschwitz hat er 1944 sein Leben verloren.

Zores haben wir genug ...

Galgenhumor am Abgrund - Kabarettistisches im Jüdischen Kulturbund