Er springt in einer windstillen Nacht von einem Felsen in die dunklen Fluten vor der Küste von Lampedusa, am Leib eine Schwimmweste mit einer Aufschrift in arabischen Zeichen: das Glück. Es klingt wie Hohn auf den Horror, den der Reporter Fabrizio Gatti nur wenige Stunden später erleben wird. Er ist nach viereinhalb Stunden im Meer wieder an Land geklettert und lässt sich als vermeintlicher Schiffbrüchiger aus dem Irak in ein Auffanglager für Flüchtlinge einliefern, das ganz im Süden der Insel gelegen ist, Afrika zugewandt, woher die meisten der Insassen kommen, wenn sie die Überfahrt nach Italien überleben. Allein von Januar bis September wurden 15 000 von ihnen im Meer oder an den Küsten aufgegriffen. Im Lager ist Platz für 186 Flüchtlinge, aber meistens ist es hoffnungslos überfüllt.

Gatti beschreibt seine Vernehmer, Betreuer und Polizisten. Es sind etliche darunter, die sich anständig benehmen und den Insassen mit Respekt begegnen.

Aber daneben beobachtet er Carabinieri, die sich als Sadisten und Faschisten zeigen. Vor 600 Internierten ahmt einer den Duce nach, ein anderer hebt den Arm zum Hitlergruß. Ein Dritter zwingt einen gläubigen Muslim, sich Pornobilder auf einem Handy anzusehen. Eine Gruppe von Neuankömmlingen muss sich nackt ausziehen. Sie wird von mehreren Carabinieri gleichzeitig mit Ohrfeigen traktiert. Gatti selbst wird mit anderen genötigt, sich in ein Rinnsal von Fäkalien zu setzen. Auf den teilweise verstopften Toiletten gibt es keine Türen, kein Toilettenpapier, die Flüchtlinge müssen sich mit der Hand behelfen. Ist das Lager überbelegt, müssen die Neuen bei jedem Wetter auf dem Boden im Hof schlafen. Und während der Woche im Lager sieht der Reporter keinen einzigen Richter, obwohl niemand ohne Urteilsspruch länger als 48 Stunden festgehalten werden darf. Gatti enthüllt dies alles in der aktuellen Ausgabe des linksliberalen Magazins L'espresso, und was seine Reportage so glaubwürdig wirken lässt, ist ihre Genauigkeit - und das Unterscheidungsvermögen des Autors.

Als Mitte September eine Delegation der Europäischen Union nach vorangegangener Anmeldung die blank geputzte Unterkunft in Lampedusa besuchte, fand sie elf Flüchtlinge vor. Einer der Kontrolleure von der rechtspopulistischen Lega Nord berichtete danach, er habe ein Fünf-Sterne-Hotel gesehen, in das er sich selbst einquartieren würde. Zwei Wochen später wird der falsche Kurde Fabrizio Gatti unerkannt entlassen. Er hat die Auflage, Italien innerhalb von fünf Tagen zu verlassen. Er könnte jetzt - eine absurde Pointe - in aller Ruhe untertauchen und als Illegaler bei einem italienischen Arbeitgeber anheuern.

Der Reporter aber legt Zeugnis ab und, immerhin: Der Innenminister ordnet eine Untersuchung an, die Staatsanwaltschaft Agrigento ermittelt.

Bereits vor fünf Jahren hatte Fabrizio Gatti, der als Abiturient Günter Wallraff las und ihn seitdem verehrt, einen vergleichbaren Skandal in einem Mailänder Zentrum für illegale Ausländer aufgedeckt. Das Zentrum wurde geschlossen, ein Gericht in Lodi aber verurteilte Gatti wegen Betrugs zu 20 Tagen Haft.