Die Schweiz ist durchaus widersprüchlich - da ist der goldene Boden unter der Zürcher Bahnhofstraße, die traditionelle Weltoffenheit für Geld von woher auch immer, der landschaftliche Reichtum, die Neue Zürcher Zeitung, die im 226. Jahrgang erscheint, die Weltabgewandtheit des Schwyzerdütschs, einer Sprache, die nur gesprochen, nicht geschrieben wird. Und da ist die Gegenschweiz, die linke Wochenzeitung WOZ, die Rote Fabrik überm Zürichsee, da sind die lautgebenden, traditionell uneinverstandenen Jazzmusiker, von denen die vereinten Kantone prozentual wohl mehr haben als jede benachbarte Nation.

Das Widersprüchliche war lange Zeit präzis getrennt, aber nun, da die Gewissheiten global in Bewegung geraten, rührt sich auch was im fest gefügten Auf und Ab des Alpenlandes. Aktuell zu vermelden ist eine musikalisch-gesellschaftliche Entwicklung vom vergangenen Sonnabend am Ufer des Vierwaldstätter Sees in Luzern. Dort, im KKL, in einem der besten Konzertsäle der Welt, in dem die Großen von Muti bis Rattle, von Nagano bis Barenboim ihre immensen Ensembles dirigieren, tritt auf Einladung der Direktorin Elisabeth Dalucas eine Frau ganz allein ans Klavier: Irène Schweizer.

Zwar ist sie die profilierteste und mit 64 Jahren dienstälteste Jazzpianistin Europas, aber was heißt das schon: Jazz? Da verschiebt sich etwas in jener Abendstunde, die vom Radio landesweit übertragen wird. Da findet eine virtuose Rebellin und Feministin, die 1960 als Fräulein Schweizer die Bühne betrat, nun doch noch Gehör in Kreisen, die jahrzehntelang taub dafür waren.

Rührend zu sehen: Wie fremd sich die Jazzfreunde im KKL fühlen - und wie stolz sie auch sind, angekommen zu sein. (Mehr darüber unter http://www.zeit.de/online/ 2005/41/schweizer).