Man kann die Welt auch aus Knete nachschaffen; sogar einschließlich ihrer metaphysischen Abgründe. Die Virtuosität der britischen Trickfilmer Nick Park und Steve Box beschränkt sich keineswegs darauf, Plastilinfiguren ein Leben einzuhauchen, das derzeit noch nicht einmal mit den avanciertesten Mitteln der Computeranimation erzeugt werden könnte. Sie sind auch in der Lage, im Medium dieser zunächst nur erheiternden Großkinderei die ewigen Menschheitsthemen zu gestalten – wie zum Beispiel das Verhältnis von Mensch und Tier im Allgemeinen oder die Auswirkungen einer Kaninchenplage auf die englische Gemüsezucht im Besonderen. Der Hund, der Philosophenblick und die Sorge ums Gemüse: Gromit, der Gärtner BILD

Das Verhältnis im Allgemeinen haben Park und Box schon mit ihren ersten Kurzfilmen definiert, in denen der verrückte Erfinder Wallace zusammen mit seinem Hund Gromit schwer daran arbeitet, Schafe vor einer Konservenfabrik zu retten (A Close Shave), betrügerische Pinguine abzuwehren (The Wrong Trousers) oder auch nur die häusliche Käseversorgung sicherzustellen (A Grand Day Out). Jetzt, da der leichtsinnig verfressene Wallace und der immer besorgte Gromit eingespielt sind, können sie sich an eine größere, kinoabendfüllende Aufgabe wagen, und das heißt in diesem Fall, den Kleinstadtwettbewerb der privaten Gemüsezüchter vor dem Appetit der örtlichen Kaninchen zu retten.

Man darf sich diese Biester nicht zu niedlich vorstellen. Ihre Bedrohlichkeit lässt sich schon an der Größe des motorgetriebenen Kaninchensaugers abmessen, mit dem Wallace und Gromit ihrer Herr zu werden versuchen; denn leider wollen sie die bissigen Zwergungeheuer nicht töten, sondern nur einsammeln und resozialisieren. Damit stellt sich eine schier unlösbare sozialpädagogische Aufgabe. Wie heilt man Kaninchen von ihren gemüsefeindlichen Gewaltfantasien?

Ausgangsfrage und Hybris des folgenden Experiments erinnern nicht zufällig an den bolschewistischen Versuch, einen Neuen Menschen zu schaffen. Von Marx und Engels lernen heißt siegen lernen! Beziehungsweise eben gerade nicht. Auch das Neue Kaninchen erweist sich als bloße Utopie. Der gerätegläubige Wallace versucht mit Hilfe eines Gedankentauschers, seine eigene Gemüseabstinenz auf die Kaninchen zu übertragen. Aber die Übertragung funktioniert leider nur in umgekehrter Richtung: Die Gemüsegier nimmt von Wallace Besitz. Er wird zum monströsen Überkaninchen und macht fortan Jagd auf sich selbst. Genauer gesagt: Er tut nur noch so. Hierin liegt die Tragik des Filmtitels Wallace und Gromit auf der Jagd nach dem Riesenkaninchen. In Wahrheit muss Gromit jetzt Wallace jagen.

Schon an dieser Konstruktion zeigt sich das beachtliche philosophische Unterfutter, das dieser Film mit abstruser Gründlichkeit nach außen krempelt. Dr. Jekyll hat sich in Mr. Hyde verwandelt. Der Geist des Kaninchens ist auf den Kaninchenjäger übergegangen. Oder, noch grundsätzlicher, mit Goethe und Carl Schmitt gesprochen: Wär’ das Aug’ nicht immer schon kaninchenhaft gewesen, wie hätt’ es im Kaninchen den Feind erkennen können? Das sind so die Fragen, die Nick Park und Steve Box umwälzen. Sie haben es mit ähnlich komischer Brillanz schon einmal in Spielfilmlänge getan, außerhalb der Wallace-und-Gromit-Serie, mit dem Geflügeldrama Chicken Run. Dort versuchen Hühner aus einem Hühner-KZ zu fliehen, und zwar mit Hilfe eines Flugzeugs, das sie nach dem Foto eines britischen Jagdbombers konstruieren oder vielmehr zu konstruieren vorgeben. Aber wie der Herr den Schaden besieht beziehungsweise der Zuschauer das fertige Vehikel bestaunt, da hat es keinerlei Ähnlichkeit mit einem Bomber, sondern eher – mit einem Huhn. Es fliegt auch nicht mit Propellern, sondern schlägt mit den Flügeln. Kurzum: Dem Huhn, auch wenn es nach der Royal Airforce strebt, wird alles zum Huhn.

Während also überall in der Welt von Park und Box die sonderbarsten mimetischen Übertragungen stattfinden, bleiben sie ausgerechnet zwischen Herr und Hund aus. Das ist vielleicht die stärkste Pointe, dass Wallace und Gromit nicht voneinander lernen dürfen. Täten sie es, wären sie verloren. Würde Wallace so bedenkenträgerisch wie Gromit, verschwänden sein Tatendurst und schöner Leichtsinn. Würde Gromit umgekehrt so leichtfertig, gäbe es niemand mehr, der Wallace aus den Schlamasseln retten könnte. Die multikulturelle Botschaft lautet also: Nur keine Assimilation! Gemeinsam werden wir stark, wenn wir uns ergänzen, nicht wenn wir uns nachahmen.

In diesen Zusammenhang gehört auch die wunderbare Balance, die Parks und Spex’ Figuren zwischen Menschenähnlichkeit und Tierbesonderheit halten. Gromit ist stumm wie ein Hund, aber traurig wie – nun, wie wir es törichterweise nur von Menschen annehmen. Wallace dagegen ist schwatzhaft wie ein Mensch und töricht, wie wir es den Tieren nachsagen. Wie heißt es in der Bibel? Einer trage des anderen Last!