Wirtschaftspolitik Umzingelt von Sozialdemokraten

Edmund Stoiber soll Wirtschaftsminister werden - doch für den Arbeitsmarkt und das große Geld ist die SPD zuständig

Eigentlich müsste Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber strahlen. Vergangenes Wochenende hatte er seine Ambition auf das Amt des Bundesministers für Wirtschaft angemeldet. »Wirtschaft, Technologie und Infrastruktur sind genau die Felder, um die ich mich in meiner Arbeit als Ministerpräsident sehr intensiv und erfolgreich gekümmert habe«, begründete er seine Bewerbung. Jetzt darf er auch in Berlin zeigen, was er kann. Stoiber bekommt sein Ressort.

Doch seinen Wünschen wird das Ministerium nicht entsprechen. Zunächst einmal wird es gestutzt und neu sortiert: Das bisherige, von Wolfgang Clement geleitete Haus verliert die komplette Arbeitsmarktpolitik. Verzichten musste Stoiber auch auf die von ihm begehrte Infrastruktur – und damit auf milliardenschwere Investitionsbudgets. Die bleiben Sache des Verkehrsministeriums. Und, genau besehen, sind auch die dazugewonnenen Kompetenzen in der Europa- und Technologiepolitik nicht berauschend. Ein Superministerium wird Stoiber also nicht bekommen und sich auf die allgemeine Wirtschaftspolitik besinnen müssen: als Anwalt der Wirtschaft und des Wettbewerbs.

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Wie es um Stoibers direkte Gestaltungsmacht oder besser -ohnmacht bestellt sein wird, offenbart ein Blick auf den Haushaltsentwurf für 2006: Für Clements Ministerium waren ursprünglich Gesamtausgaben von fast 36 Milliarden Euro vorgesehen. Davon entfielen allein 31 Milliarden auf die Grundsicherung für Arbeitsuchende, über die Stoiber nicht mehr verfügen wird. Abzüglich der Subventionen für die Steinkohle (1,7 Milliarden Euro) bleiben im Budgetentwurf nicht einmal vier Milliarden Euro, mit denen er Politik gestalten kann.

Die Liste des Nicht-mehr-Möglichen beginnt für Stoiber in der Koalition der »neuen Möglichkeiten« mit dem Satz: »Sozial ist, was Arbeit schafft.« So schrieben CDU und CSU in ihrem »Regierungsprogramm« – und für mehr Arbeit wollten die Unionisten vor allem durch Änderungen im Kündigungs- und Tarifvertragsrecht sorgen. Doch für den Arbeitsmarkt bleiben die Sozialdemokraten zuständig, und für die sind Eingriffe in die Tarifautonomie tabu.

Wird also Stoiber zum Gehilfen, wenn nicht gar zum Vollstrecker sozialdemokratischer Wirtschaftspolitik? Immerhin hat er früh zu erkennen gegeben, eine Große Koalition sei ihm die liebste. Und im Wahlkampf versuchte die CSU, den neoliberalen Neigungen von Stoibers künftiger Chefin entgegenzuwirken. Als Feind eines umfangreichen Staates ist er auch nicht gerade ausgewiesen. Wenn er doch von rechts aufbegehren will, wird es schwer für den erfolgreichen Ministerpräsidenten: Der künftige Wirtschaftsminister ist umringt von SPD-Kollegen im Finanz-, Arbeits- und Gesundheitsressort und könnte im Ernstfall gegen eine Sozialdemokratisierung der großkoalitionären Wirtschaftspolitik kaum ankommen.

Mag sein, dass ihn das nicht groß stört. Aber es gehört auch nicht viel Mut zur Vorhersage, dass dem ebenso fleißigen wie selbstbewussten Politiker vor allem die Zuständigkeit für die Arbeitsmarktpolitik fehlen wird.

Leser-Kommentare
  1. Alle die jetzt schlucken und ihre "Weisheiten" verbreiten, sind später überrascht wenn alles anders und im Fall Stoiber bestimmt nicht schlecht einher kommt. Referenz Bayern. Er ist neben Horst Seehofer ein Politiker, der keinen "Tunnelblick entwickelt hat , sondern noch zu "Visionen", ein Ausdruck, der nach Kirchhoff nicht immer negativ besetzt sein muß, fähig ist und umsetzen kann. Das gute Verhältnis zu den SPD-Ministern wird sehr positive Auswirkungen im Gesamtergebnis haben. Er ist schon sympathisch durch die Tatsache, daß er kein "Altlasten-Politiker" wie Herr Jung-Parteispendenskandal-Minensuchhund von Koch und Herr Schäuble-100.000 DM-Lüge sind, eine wirkliche Belastung, die rückwärtsgerichtete und deshalb für Deutschland gefährliche "Mutti" Frau Schavan und die "Luxus-Kampf-Mutti" Frau v. d. Leyen passen zur intriganten Frau Merkel-Qualifikation: ich will Kanzler sein, bei einer sorgfältigen Auswahl der CDU Ministerriege hätten andere, fähigere Namen ins Spiel gebracht werden müssen, nicht solche ausgewiesenen von der CDU. Das wäre mit Herrn Stoiber nicht machbar gewesen.

    • Colon
    • 13.10.2005 um 11:31 Uhr

    Ja, der im Auftritt, bis auf manche Grobheiten im Bierzelt, für einen gestandenen Bayernpolitiker untypische Ministerpräsident Stoiber, hatte sich schon früh auf seine Wunschzusammenarbeit eingestellt! In Sachen Föderalismusreform und Wirtschaftspolitik vertritt er Positionen, die durchaus Gehör bei den Sozialdemokraten finden werden. - Es ehrt ihn, früher als andere, die Rhetorik des Wahlkampfs verlassen zu haben und sehr konstruktiv in der fast Allparteienkoalition mit oppositionellen Flügeln mitspielen zu wollen.
    Seinen medialen Auftritten merkt man an, er freut sich auf die Koalition und will etwas bewegen.
    Das zur Ehrenrettung für einen, der sonst oft hölzern wirkt und ein wenig arg den Lehrer Lämpel gibt. Aber vielleicht sind die, im neuen Lichte aufscheinenden, Eigenschaften des Bayern, dem langwirkenden Einfluss französischer Verwaltungstradition aus Mongelas Zeiten geschuldet.
    Anspruch und Leichtigkeit verbinden sich nicht nur im bayrisch-fränkischen Barock. - Ein wenig mehr Nachsicht mit dem nachlassenden Machtdrang des langsam altersweise werdenden CSU- Chefs sollten Sie schon haben.
    Sonst vielen Dank für Ihre erhellende Gedankenarbeit.

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