Straßburg/Kehl

Ein schmaler Steg überspannt den Rhein, eine wunderbar elegante Konstruktion aus Stahl, Beton und Drahtseilen. 387 Meter lang, geschaffen für Menschen mit leichtem Gepäck, verbindet sie Straßburg, die französische Europastadt, mit der badischen Kleinstadt Kehl. Die Brücke ist ein Überbleibsel der ersten grenzüberschreitenden Landesgartenschau, die hier vor einem Jahr zu Ende gegangen ist. Festival des deux rives - Zweiuferfest - so ersetzten die Straßburger den biederen deutschen Begriff der Gartenschau. Das Zweiuferfest war der Testlauf für den ersten Eurodistrikt, den Straßburg und der Ortenaukreis in Baden-Württemberg, zu dem Kehl gehört, am kommenden Montag gründen: ein grenzüberschreitender Lebens- und Arbeitsraum für fast eine Million Menschen. Und die symbolträchtig völkerverbindende Brücke ist dabei unversehens zum Symbol der Schwierigkeiten praktizierter Völkerfreundschaft geraten: Die Baukosten explodierten, und bis heute steht die Einigung über die Zahlung der letzten Tranche aus.

Was soll das sein, ein Eurodistrikt? Die Antwort ist kompliziert, was damit zusammenhängt, dass diese gar nicht so neue Erfindung gleichzeitig zwei völlig unterschiedliche Probleme lösen soll. In den hohen Sphären der Diplomatie, wo das Spitzenpersonal zweier Nationen im Streit um den Irak-Krieg enger zueinander fand und vor zwei Jahren auch noch das 40.

Jubiläum des Elysée-Vertrages anstand, war ein Symbol der engeren staatlichen Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Frankreich dringend erwünscht.

Unten am Rhein, andererseits, von beiden Enden der neuen Brücke her, rücken die Menschen aus ganz praktischen Erwägungen enger zusammen: weil Babywindeln und Fernsehgeräte in Deutschland billiger sind beispielsweise. Und ihnen ist es lästig, dass Briefe zwischen Kehl und Straßburg immer noch den Umweg über weit entfernte Verteilzentren nehmen müssen und die Überquerung der Brücke mit einem teuren Wechsel in ein anderes Handynetz einhergeht.

Gesucht war ein Symbol, das zugleich praktisch und billig sein sollte

Noch ein dritter Aspekt prägte dies Völkerverständigungsprojekt von Anfang an: Es sollte billig werden, denn die öffentlichen Kassen in Deutschland und Frankreich sind leer - aus diesem Grund, sagt die frühere französische Staatsministerin für Europapolitik Noëlle Lenoir, sei der Europadistrikt von Anfang an als Projekt zweier Kommunen konzipiert worden.